10.11.2017

Fragen an ... das Aufbauteam

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Zwischen der Idee zu einer Ausstellung und der fertigen Präsentation der ausgewählten Exponate liegt eine für die Besucher unsichtbare arbeitsreiche und zeitaufwändige Vorbereitungsphase. Sie beginnt mit der Planung, es folgen die Umsetzung der Ideen mittels der Ausstellungsarchitektur und letztlich erfolgt die Hängung und Installation der Kunstwerke auf der Ausstellungsfläche. In dieser Phase arbeiten unterschiedliche interne und externe Gewerke und Kollegen gleichzeitig miteinander: Die Kuratoren tauschen sich mit der Ausstellungsarchitektin und dem Aufbauteam aus, verschiedene Gewerke wie zum Beispiel Maler und Beleuchter sind am Auf- und Umbau der Fläche beteiligt. Die Kunstwerke kommen zu unterschiedlichen Zeiten an, werden durch Kuriere der leihgebenden Museen begleitet, von Restauratoren ausgepackt und dann gehängt. Selbstverständlich alles in enger Absprache mit Kuratoren und Aufbauteam.
Da die Draiflessen Collection über ein flexibles Stellwandsystem verfügt, das je nach Ausstellung angepasst wird (siehe auch Blog #4), sind die Kollegen unseres Aufbauteams bereits sehr früh in die Planung einbezogen. Sie sind es, die dafür sorgen, dass die Arbeitsschritte Raumkonstruktion, Technik, Innengestaltung, Auspacken und Hängung der Kunstwerke nahtlos ineinandergreifen. Stellvertretend für das gesamte Aufbauteam haben wir Michael Große Sundrup und Uwe Reth zu ihrer Arbeit allgemein und speziell zur aktuellen Ausstellung befragt.

Die Voraussetzungen
Das Berufsbild „Ausstellungsaufbau“ lässt sich, zumindest in Deutschland, weder als Handwerk erlernen noch studieren, weshalb unser Aufbauteam aus verschiedenen handwerklichen Berufen kommt. Uwe Reth ist ausgebildeter Maurer und hat vor seiner Zeit in der Draiflessen Collection als Fensterbauer gearbeitet. Gerade dieses „Händchen für sensible Arbeiten“, das ihm Michael Große Sundrup attestiert, zusammen mit dem handwerklichen Know-how, prädestinierte ihn für die jetzige Tätigkeit, die ein Gespür für das richtige Handling häufig fragiler und empfindlicher Kunstwerke erfordert. Der Tischlermeister und Möbelbauer Michael Große Sundrup brachte ebenfalls die passenden Voraussetzungen für die Arbeit im Museum mit – sind doch neben konstruktiven Fähigkeiten professionelle und kreative Lösungen in der Präsentation von Objekten unerlässlich. Beide haben selbstverständlich eine Reihe von Schulungen im Umgang mit Kunst absolviert. Große Sundrup hat noch vor der Eröffnung der Draiflessen Collection eine Weile in einem Schweizer Museum mitgearbeitet, um hier intensive praktische Erfahrung zu sammeln und sich mit den dortigen Kollegen auszutauschen.

Der Einsatz
Das Aufbauteam wird schon sehr früh in die Planungsphase mit einbezogen: Nachdem die ersten Ideen und Vorstellungen der Kuratoren von der Ausstellungsarchitektin aufs Papier gebracht worden sind, geht es häufig schon um die technische Machbarkeit und mitunter um strategische Lösungen für kniffligere Präsentationen, um Statik und räumliche Voraussetzungen vor Ort. Im Grunde, so Michael Große Sundrup, bleibt der Aufbau bis fast zum Schluss ein kreativer und wechselhafter Prozess, werden ursprüngliche Planungen gemeinsam wieder verworfen und neu oder anders entwickelt. Was im Kopf und auf dem Papier als Idee entstanden ist, kann eben nicht immer genauso umgesetzt werden. Zum Teil ist es auch erforderlich, Raumsituationen erst einmal zu stellen, denn „man muss es sehen“ – nicht jeder verfügt über dasselbe räumliche Vorstellungsvermögen anhand von Plänen und Modellen.

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Ceiling Projection | © Draiflessen Collection

Die Kreativität
Hier wird also schon deutlich, dass das Aufbauteam immer auch eigene Ideen einbringt. Natürlich sind die ausgearbeiteten Pläne Grundlage der Arbeit, dennoch ist häufig das spezifische handwerkliche Wissen gefragt, um auch mal unkonventionelle Lösungen zu finden. Es gab, so Michael Große Sundrup, durchaus auch mal „verrückte“ Ideen, bei denen man zunächst dachte, sie würden nicht klappen, die dann letztendlich aber doch noch funktioniert haben. Bei „Dem Bild gegenüber“ stellte zum Beispiel der Raum mit der Installation „Tunicata“ ganz besondere Anforderungen: Die Projektion sollte an der Decke installiert werden, damit sie von den Besuchern von einer darunter platzierten Liegefläche aus angeschaut werden kann. Allerdings hat die Technik ein sehr hohes Gewicht, sodass eine Lösung gefunden werden musste, sie „leicht“ und schwebend und so gewissermaßen unsichtbar wirken zu lassen.

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Ceiling Bracket Projection | © Draiflessen Collection

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Chain Hoist | © Draiflessen Collection

Die Herausforderung
Wie für die Ausstellungsarchitektin Astrid Michaelis stellte sich auch für das Aufbauteam die umfangreiche Raumkonstruktion für die Klanginstalltion von Janet Cardiff als die größte Herausforderung heraus: Ein 12,50 mal 16 Meter großer, abgeschlossener Raum im Raum (der Ausstellungsfläche) komplett ohne stützende Träger. Er musste die komplexen akustischen Anforderungen des Kunstwerks erfüllen, gleichzeitig aber auch möglichst wenige Geräusche nach außen dringen lassen, damit die Klanginstallation nicht die gesamte Ausstellung dominiert. Da der Boden der Ausstellungfläche nur bedingt schwere Lasten trägt, schloss sich für die Deckenkonstruktion die Arbeit mit „schwerem Gerät“ aus, also wurden die einzelnen Deckenbalken mittels Kettenzug hochgezogen. Die Befürchtung, der zwar leicht verschachtelte, aber türlose Eingang könne übermäßig Geräusche durchlassen („Das funktioniert nie!“), erwies sich zum Glück als völlig unbegründet. Es gab aber ein anderes, unerwartetes „Leck“: die Lüftungkanäle. Diese mussten also ebenso wie der Raum mit schalldämpfendem Material ausgekleidet werden, durften aber gleichzeitig ihre Funktion nicht verlieren. Nicht nur hier war also Experimentieren gefragt. Gerade das sei doch sehr anders als im traditionellen Handwerk, so Reth und Große Sundrup, die betonen, „ausprobieren zu dürfen, macht Spaß“ – und eine Lösung wird letztlich immer gefunden.

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Entrance to Sound Installation | © Draiflessen Collection

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Air Duct | © Draiflessen Collection

Die Konzentration
Darauf angesprochen, wie man bei all dem „Gedränge“ und der Unruhe auf der Fläche Ruhe bewahren kann, wenn mehrere Gewerke tätig sind, Kuriere kommen und gehen, Kuratoren ihre eigene Arbeit kritisch überprüfen, gab es eine klare Antwort: „Man muss lernen, dass man nur eine Sache machen kann und sich darauf dann auch wirklich konzentrieren muss.“ Insbesondere die Apostelgruppe aus einer Marientodszene (entstanden zwischen 1490 und1500) im Eingangsbereich der Ausstellung erforderte besondere Konzentration. Sie ist sehr fragil, sodass es vier Menschen bedurfte, sie langsam und vorsichtig aus ihrer Verpackungskiste zu nehmen und sie dann auf ihr Podest zu heben – hierbei musste einfach „alles andere komplett ausgeblendet werden“.

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Installation Apostles | © Draiflessen Collection

Das Besondere
Dieses Exponat ist auch Michael Große Sundrups Lieblingsstück: Ihn faszinieren die handwerkliche Virtuosität in der Gestaltung des Mienenspiels der einzelnen Figuren und auch die Lebendigkeit und Aktualität der Darstellung. Letzteres wurde ihm besonders deutlich, so berichtet er, als bei der Eröffnung die Besucher Richtung Ausstellung strebten, die Apostelgruppe von Weitem nahezu mit den lebendigen Menschen zu verschmelzen schien.
Uwe Reth beeindrucken vor allem die beiden Altarflügel von Angelo Puccinelli de Lucca (1375–1386) aus unserer eigenen Sammlung, die nach dem Erklimmen der Treppe den Eingang zur Ausstellungsfläche flankieren: der opulente und immer noch prachtvolle Goldgrund, die leuchtenden Farben, aber auch das Krakelee (kleine Risse oder Sprünge auf der Oberfläche eines Kunstwerkes), das sich im Laufe der Jahrhunderte im Farbauftrag gebildet hat. Für ihn vermitteln diese Arbeiten etwas sehr Einladendes.
Beide Kollegen hatten auch wieder einen ganz besonderen Moment im Arbeitsprozess: Es sei immer ein „unbeschreibliches Gefühl“, wenn dann endlich die Ausstellung steht. Das finale Loslassen dagegen sei nicht ganz so einfach – hängt hier vielleicht noch ein Klebestreifen, liegt dort ein Rest Verpackungsmaterial ...?  Es brauche eben einen Moment, sich dann zu sagen, „So, jetzt kannst du nach Hause gehen!“. Ebenso brauche es Abstand, etwas zeitliche Distanz, die Ausstellung, in der man ein paar Wochen fast gelebt hat, dann wieder mit anderen Augen zu sehen und einen Blick dafür zu entwickeln, dass sie doch wieder etwas ganz Besonderes geworden ist.

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Apostles and Altar Wings | © Draiflessen Collection

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