12.12.2017

Fragen an ... die Guides

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Wer sich mit dem Konzept der Ausstellung (siehe Blog #2) näher beschäftigt hat, fragt sich womöglich, warum diese überhaupt mittels Führungen vermittelt werden muss. Schließlich soll es doch darum gehen, die Besucher so direkt wie möglich, ohne erläuternde Texte oder thematisch nachvollziehbare Segmente, „dem Bild gegenüber“ zu stellen und ihnen den unmittelbaren und unverstellten Dialog mit dem Kunstwerk zu ermöglichen. Ganz bewusst wurden ja sämtliche unmittelbar zugängliche Informationen zu den Kunstwerken weggelassen, folgt deren Zusammenstellung scheinbar keinem zunächst erkennbaren System.
Aber geht das denn so mal eben, kann man die Besucher „ganz alleine“ lassen? Anstatt der häufig üblichen und bekannten frontalen Führung, sind diese in dieser Ausstellung dialogisch ausgerichtet – durchaus auch neu für unsere Guides!
Wie also „führt“ man durch eine solche Ausstellung, ohne deren Konzept zu unterwandern? Wie kann es gelingen, Menschen dazu anzuregen, sich zunächst auf ihr eigenes Schauen und Fühlen zu verlassen, sich den Kunstwerken zu öffnen und auch miteinander ins Gespräch zu kommen?
Dazu haben wir – stellvertretend für das gesamte Guide-Team der Draiflessen Collection – mit  Eva Dankenbring und Dr. Hans Peterse gesprochen.

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Janet Cardiff, The Forty Part Motet (A reworking of Spem in Alium by Thomas Tallis 1573), 2001 | © Draiflessen Collection, Foto/photo: Henning Rogge

Dialogorientiert

Noch vor Ausstellungsbeginn wurden die Guides von den beiden Kuratorinnen Olesja Nein und Dr. Barbara Segelken durch die Ausstellung geführt und bekamen alle nötigen Hintergrundinformationen, die sie für eine Führung benötigen. Da deren Schwerpunkt in der Ausstellung „Dem Bild gegenüber“ nicht auf der Wissensvermittlung liegt, wurden die Guides zusätzlich in der dialogorientierten Kunstvermittlung geschult. Auf dieser Grundlage erarbeitete sich jeder Guide ein ganz eigenes Führungskonzept und dementsprechend unterschiedliche Schwerpunkte – in jeder Führung steckt natürlich auch ein Teil der jeweiligen Persönlichkeit. So begleitet Eva Dankenbring die Besucher nicht in die Klanginstallation von Janet Cardiff, steht aber für Fragen danach noch zur Verfügung: „Ich möchte die Gruppe bei diesem intimen Kunsterlebnis nicht stören“. Peterse hingegen bleibt ein auch innerhalb der Klanginstallation präsenter Ansprechpartner, dort aber trotzdem bewusst sehr im Hintergrund bleibt, um die Besucher nicht zu stören.

„Man weiß nie, was kommt“

Trotz eines gut durchdachten Konzepts kann es passieren, dass man erst mit der ersten „richtigen“ Führung in der Ausstellung merkt, dass zum Beispiel ein anderer Laufweg besser wäre. Das Konzept wird also während der Ausstellungslaufzeit durchaus nochmal überarbeitet und auf die Besucher angepasst. Insbesondere bei dieser Ausstellung ist auch die Spontaneität der Guides gefragt, schließlich lassen sie die Besucher „führen“ und geben die Zügel aus der Hand. „Jeder Besucher reagiert sehr unterschiedlich auf die Kunstwerke, man muss je nach Gruppe seine Führung also variieren können, um auch wirklich ins Gespräch zu kommen“, so Peterse. Auch Eva Dankenbring betont, wie wichtig es sei, bei jeder Gruppe flexibel zu reagieren, da man vor einer Führung nie wisse, was passieren wird: „Wenn ein Werk, das man mit der Gruppe besprechen möchte, bei dieser eben nicht funktioniert, muss man auch das zulassen und Alternativen finden“.

Eine neue Art der Führung

Im Gegensatz zu der klassischen frontalen Führung besteht die dialogische Führung aus einem ausgewogenen Redeanteil der Gruppe und des Guides: „In gewisser Weise ist die dialogische Führung für uns Guides auch eine Übung in Zurückhaltung, um dem Besucher Raum für seine Meinung zu geben“, sagt Peterse. Hier „führt man weniger in dem Sinne“, sondern moderiert das Gespräch zwischen den Besuchern. Dabei ist es auch nicht wichtig, dass der Guide alle Hintergründe eines Werks kennt, denn die kunsthistorischen Aspekte treten bei dieser Ausstellung völlig in den Hintergrund. In diese Rolle des Moderators fällt für Dankenbring auch, dass jede Besuchermeinung gleich wichtig ist: „Es gibt kein richtig oder falsch“. Am Ende der Betrachtung eines Werkes fasst sie daher auch noch einmal alle Interpretationen gleichwertig zusammen.
Jede Gruppe hat natürlich ihre eigene Dynamik, sodass der Guide zu Beginn versucht, ein Gefühl der Sicherheit und des Vertrauens zu schaffen und durch genaues Beobachten die Einzelnen einschätzt: „Bei dieser Ausstellung lernt man noch mehr als bei anderen Ausstellungen über Menschen“, so Dankenbring. Bisher haben die Guides festgestellt, dass es bei den öffentlichen Führungen etwas schwieriger ist, mit den Besuchern ins Gespräch zu kommen, da diese sich untereinander nicht kennen und dementsprechend die Hemmschwelle größer ist, in der Gruppe etwas zu sagen.

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Betrachtung des Christuskopfes, um 1517-1520 | © Draiflessen Collection, Foto/photo: Henning Rogge

Es geht auf!

Insbesondere bei dieser Ausstellung erleben die Guides durchaus auch sehr emotionale Momente: Für Dankenbring gab es vor dem „Christuskopf“ gleich mehrere solcher Momente, denn dieser hat auf viele Besucher offensichtlich allein durch seine Präsentation eine sehr große Wirkung: „Um das Werk herum bildet sich bei jeder Führung ein eigener Raum, von dem die Besucher automatisch Abstand halten“. Bei diesem Werk reagieren die Besucher sofort und ohne Nachfrage: „... ein sehr mildes Lächeln ... wie entrückt ... Es ist vollbracht!“. Auch Peterse merkt den Besuchern während der Führung immer wieder an, dass das Ausstellungskonzept aufgeht und wie sie von einem Werk ergriffen werden: „Ich hatte die Befürchtung, dass die Vielfalt der Epochen und auch der Kunstformen – Fotografien, Gemälde, Skulpturen usw. – auf den Besucher wie ein Bruch wirken würde, allerdings ist genau das Gegenteil der Fall und die rund 50 Werke wirken wie eine Einheit“.

Das Lieblingsstück von Peterse ist Leonhard Kerns „Hexe, die Bein verschlingt / Allegorie der Gier“, die in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts entstand: „Für mich ist sie das Sinnbild von Armut, Not und Elend. Sie steht für das, was ein Krieg anrichten kann“.


Eva Dankenbring favorisiert hingegen die 2001 entstandene Klanginstallation „The Forty Part Motet (A reworking of Spem in Alium by Thomas Tallis 1573)“ von Janet Cardiff sowie James Turrells Lichtinstallation „Tall Glass Spinther“ von 2007: „Diesen beiden Werken, der Klangteppich und der Lichtraum, kann man sich einfach nicht entziehen“.

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James Turrell, Tall Glass Spinther, 2007 | © Draiflessen Collection, Foto/photo: Henning Rogge

Eva Dankenbring arbeitet seit 2001 als freischaffende Textilkünstlerin in Osnabrück. Seit 2016 ist sie als Kulturvermittlerin für die Draiflessen Collection tätig, bereits seit 2014 führt sie durch die ständige Ausstellung im Tuchmacher Museum Bramsche. 


Dr. Hans Peterse hat Geschichte an der Radboud Universiteit in Nijmegen studiert. Er promovierte 1993 in Leiden. Er hat einen Lehrauftrag für deutsch-niederländische Geschichte in Münster und Nijmegen. Seit Sommer 2017 arbeitet er als Guide für die Draiflessen Collection.

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