ERINNERUNGEN AUFSCHLAGEN

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PRESSETEXT
ERINNERUNGEN AUFSCHLAGEN
Main Space ǀ 18.10.2026–07.02.2027

Was sehen wir, wenn wir in fremden Fotoalben blättern? Was erzählen die Bilder, wenn wir die Menschen darauf gar nicht kennen? Die Ausstellung widmet sich privaten Fotoalben als besonderen Speichern von Erinnerung. Ausgewählte Alben der Familie Brenninkmeijer aus dem Archiv der Draiflessen Collection treffen auf zeitgenössische künstlerische Positionen und eröffnen einen ebenso persönlichen wie gesellschaftlichen Blick auf das Erinnern. Die Ausstellung zeigt: Fotoalben bewahren Vergangenheit nicht einfach auf, sie ordnen, formen und erzählen sie immer wieder neu.

Private Fotoalben sind weit mehr als Sammlungen persönlicher Erinnerungen
Intuitiv oder nach dem Zufallsprinzip fügen ihre Schöpfer*innen fotografisch festgehaltene Erlebnisse zu Bildfolgen zusammen, die sich erst beim Blättern erschließen. Auf diese Weise verdichten sich einzelne Aufnahmen zu visuellen Erzählungen, in denen das eigene Leben oder das der Familie gedeutet, geordnet und mitunter neu geschrieben wird. Obwohl sich die jeweiligen Ordnungsprinzipien häufig einer eindeutigen Lesart entziehen, uns die abgebildeten Personen und Orte fremd sind, rufen die Fotografien eigene Erinnerungen wach und evozieren Nähe, Intimität und Vertrautheit – ebenso aber auch Irritation, Verlust und Fremdheit.
 Ausgangspunkt der Ausstellung sind 17 Fotoalben aus dem Umfeld der Familie Brenninkmeijer, entstanden vom späten 19. Jahrhundert bis in die 1940er-Jahre, die sich im Bestand der Draiflessen Collection befinden. Die Anlässe der Aufnahmen folgen vielfach den Konventionen ihrer Zeit: Familienfeste, Reisen, Kindheit, Repräsentation. Auch die Interieurs der Fotoateliers, die Posen und Motive orientieren sich an ästhetischen, sozialen und technischen Standards ihrer Epoche. So spiegeln die Alben Zeittypisches und Stereotypisches, erzählen aber zugleich jeweils ihre eigenen Geschichten.

Erinnern ist ein performativer und selektiver Prozess
In der Ausstellung treten diese historischen Alben in einen Dialog mit internationalen künstlerischen Positionen ein: Zu sehen sind Arbeiten von Njideka Akunyili Crosby, Tina Barney, Bieke Depoorter, Jim Goldberg, Lebohang Kganye, Dayanita Singh, Jiro Takamatsu, Fiona Tan, Karine Zenja Versluis und Gillian Wearing – allesamt Künstler*innen, die sich mit Fotografie, Familiengeschichte und Erinnerung beschäftigen. Die in den Alben sichtbaren Praktiken des Sammelns, Anordnens und Weglassens spiegeln sich dabei in ihren Arbeitsweisen wider. Dabei stellen sich die Fragen: Warum sammeln wir Bilder von uns? Welche Fotos werden in Alben aufgenommen und welche ausgelassen? Wer gehört zur Familie und wer nicht? Wie lässt sich eine (Familien-)Geschichte in Bildern erzählen? Welche Rolle spielt dabei die soziale und geografische Situation? 
In dieser Gegenüberstellung wird deutlich, dass Erinnern nie neutral ist. Vielmehr zeigen die Kunstwerke, dass es sich um einen performativen und selektiven Prozess handelt, der immer auch in gesellschaftspolitische und ökonomische (Macht-)Verhältnisse eingebettet ist. Sie befragen das Album als Medium ebenso wie das einzelne Foto als vermeintlich verlässlichen Speicher von Vergangenem: Die Ausstellung macht den Resonanzraum zwischen Fremdem und Vertrautem, Vergangenheit und Gegenwart, Erinnerung und Fotografie erfahrbar. So entfaltet sich zwischen den Kunstwerken und den Alben ein Kräftefeld, in das die Besucher*innen der Ausstellung eigene Erinnerungen und Assoziationen einschreiben können.
 
Zur Ausstellung erscheint ein reich bebilderter Katalog in deutscher, englischer und niederländischer Sprache, der das Thema vertieft und ergänzt.

Lebohang Kganye, Ka 2-phisi yaka e pinky II, aus der Serie Ke Lefa Laka: Her-story, 2013

Gillian Wearing, Self Portrait at 17 Years Old, aus der Serie Album, 2003

Fiona Tan, Vox Populi Tokyo, 2007, Detail

Njideka Akunyili Crosby, Home: As You See Me, 2017

Dayanita Singh, Saligao House Museum, 2024

Karine Zenja Versluis, Nastya und Mila, Charkiw, 2018, aus dem Fotobuch Debaltsevo, Where Are You?, 2023

Tina Barney, Tim, Phil and I, 1989, Courtesy of the artist and Olney Gleason, New York