19.04.2020

Kurator*innengespräch digital - Teil I ... in der Ausstellung HOFFNUNG

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Die Kuratorin der Ausstellung HOFFNUNG Andrea Kambartel gibt ihre persönlichen Eindrücke zu den ausgewählten Kunstwerken. Da wir leider die Türen der Draiflessen Collection immer noch geschlossen halten müssen, möchten wir trotzdem so viel präsentieren, wie wir können! 

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Kuratorinnengespräch digital | © Draiflessen Collection

Michael Buthe, Hoffnung, 1982

„Es ist nicht leicht Bilder von Hoffnung zu finden. Wie sieht Hoffnung denn aus? Und deswegen wollte ich Buthes Werk unbedingt für die Ausstellung haben: Er hat ein Bild der Hoffnung gemacht.
Das Werk besteht aus kontrastreichen Materialien: dem Holz des Weinfassbodens, das besonders alt war; dem Blattgold, was nicht nur veredelt, sondern auch einen besonderen Lichteindruck hinterlässt; und die Federn, leicht und flüchtig.
Buthe hatte dieses Werk für ein Sterbezimmer eines Krankenhauses geschaffen und damit die eigene Vorstellung von Hoffnung und der Endlichkeit des Lebens versinnbildlicht. Für ihn war Sterben ein Akt der Transformation.
Hoffnung ist wohl immer besonders stark, wenn man sich mit Themen wie Endlichkeit, Tod und Krankheit in Berührung kommt.“

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Ausstellungsansicht mit Michael Buthes ‚Hoffnung‘ | © Michael Buthe, Hoffnung, 1982, Kunstmuseum Bonn (Dauerleihgabe Privatsammlung)

Lee Bul, Cyborg W9, 2006

„Lee Buls Arbeit steht einerseits im Kontrast zu Buthes ‚Hoffnung‘ andererseits Beschäftigen sich beide auf unterschiedlichen Ebenen mit Transformation.
Buls Cyborg geht auf das scheinbare Bedürfnis des Menschen die Sterblichkeit zu überwinden und ewiges Leben zu erreichen ein. Mensch und Maschine sind medizinisch bereits länger miteinander verbunden.
Einerseits bedeutet technische Optimierung Hoffnung auf Verlängerung des eigenen Lebens oder gar irgendwann Überwindung des Todes, aber was gibt man dafür auf?
Buls Cyborg steht für das Erlösungsversprechen der Moderne durch mechanische Selbstoptimierung und steht damit im Gegensatz zu religiösen Erlösungsvorstellungen.“

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Ausstellungsansicht mit Lee Buls ‚Cyborg W9‘ | © Lee Buld, Cyborg W9, 2006, Ali Raif Dinckok Collection

Joseph Beuys, Schlitten, 1969

„Den Schlitten gibt es 50 mal und trotzdem war es nicht so leicht ihn zu bekommen, weil er in vielen Sammlungen auch einen Platz in der Dauerausstellung hat. Denn am Schlitten lässt sich Beuys‘ Materialkunde gut erklären. Filz und Fett stehen in Verbindung mit der Legende, dass Beuys nach seinem Absturz über der Krim 1944 dort von Tataren geborgen und in Filz und Fett gehüllt gerettet worden sei.
Vor dem Hintergrund der aktuellen Krise wird die Aussage des Werkes besonders deutlich, da die Materialien auf existenzielle Hoffnungsziele hinweisen: Die Decke aus Filz als Symbol für Wärme, die Taschenlampe steht für Licht und das Fett für Nahrung.
Viele Hoffnungsziele in unserer Gesellschaft sind an Konsum geknüpft, Besitz macht glücklich. Der Schlitten wirft hingegen die Frage auf was existenziell wichtig ist für das eigene Überleben? Vieles in der westlichen Gesellschaft ist selbstverständlich und wird erst in Existenz bedrohenden Momenten wichtig.“

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Ausstellungsansicht mit Joseph Beuys' „Schlitten", 1969 | © Joseph Beuys Estate/ VG Bild-Kunst 2020/ Collection Thaddaeus Ropac, London, Paris, Salzburg

Fritz Winter, Triebkräfte der Erde, 1944

 „Die gesamte Serie macht Sichtbar, dass er durch seine künstlerische Arbeit um die Zurückgewinnung von Hoffnung. Die meisten Arbeiten basieren auf einer schwarzen Schicht, auf die er dann die helleren Aufträgt; wie ein Kampf zwischen Finsternis und Licht.
Die Serie soll während eines Heimaturlaubs von der Front sein. Ich stelle es mir vor, dass er tatsächlich gemalt hat, um etwas zu verarbeiten. Weil er ja auch wusste, dass er an die Front zurück kehren musste.
Bei einigen Bildern der Serie hat man den Eindruck, dass immer wieder Sonnenstrahlen das Dunkel aufbrechen. Winter hat an die Kraft der Natur geglaubt: es wird etwas zerstört, aber daraus entsteht auch etwas neues. Er ließ sich vielleicht von Naturereignissen aber auch Erinnerungen an Kriegserfahrungen inspirieren.
Spannend an der Arbeit war die Frage, inwiefern kann man sich Hoffnung selbst erarbeiten. Inwieweit kann ich eine hoffnungsvolle Haltung entwickeln, kann ich Hoffnung erlernen? Bei der Serie hatte ich ein bisschen das Gefühl, dass dieses ‚immer wieder vor Augen führen‘ dazu führt Hoffnung zu verinnerlichen.
Ich glaube, dass man eine hoffnungsvolle Haltung üben kann und das habe ich immer mit dieser Arbeit verbunden.“

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Fritz Winter, Driving Forces of the Earth, 1944, The Lambrecht-Schadeberg Collection, Museum für Gegenwartskunst Siegen | © Sammlung Lambrecht-Schadeberg, Museum für Gegenwartskunst Siegen © VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Antoni Tàpies, Bon dia, 1998

„Es war ein langer Weg zu diesem Werk, denn in einer Ausstellung HOFFNUNG sollte eine Auferstehung gezeigt werden, da es das christliche, zentrale Motiv der Hoffnung ist. Gleichzeitig sollte sie nicht zu eng gefasst sein, weil es mir auch wichtig ist offen über das Werk aber auch über religiöse und philosophische Vorstellungen zu diskutieren.
Die Assoziation zur Auferstehung entsteht vor allem durch die vom Bildrand abgeschnittenen Füße und das weiße Tuch darunter. Trotzdem ist es kein dogmatisches Bild der biblischen Geschichte. Tapies hat sich für Religion als Mittel zur Suche nach dem Inhalt des Lebens, um das Leben zu begreifen. Tapies setzt sich mit der christlichen Vorstellung auseinander, bricht mit dieser aber ohne sie abzulehnen.
Was ist die Aussage? Die kenne ich nicht. Die Füße die aus dem Bild herausragen deuten einen Übergang an und die Topfdeckel weisen als durch und durch Alltägliches stark auf das Diesseits hin. Die Topfdeckel lassen sich schwer erklären. Das Zusammenspiel gleichzeitig rätselhaft und eindeutig, ich verstehe einiges auf Anhieb und anderes gar nicht.“

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Ausstellungsansicht mit Antoni Tàpies' „Bon dia“ (1998)

Duane Michals, Grandpa goes to Heaven, 1989

„Es war tatsächlich das erste Kunstwerk, das ich ausgewählt hatte, da es Michals eindeutig gelingt mit dieser Bildergeschichte etwas zu erzählen, was jeder nachempfinden kann. Die Konfrontation  mit der Sterblichkeit eines geliebten Menschen oder Tieres macht einen hilflos und setzt alle faktischen Erkenntnisse außer Kraft. Darum beginnt die Vorstellungskraft etwas aufzubauen.
Das Nichts ist schwer zu begreifen und deswegen versuchen die meisten Menschen es durch ihre Vorstellungskraft mit Inhalt zu füllen. Der Tod ist nämlich etwas, was wir tatsächlich nicht wissen, nicht begreifen und deswegen können die eigenen Vorstellungen diese Leere füllen und Trost spenden und dem Tod die Endlichkeit nehmen.
Bei Michals gibt es aber auch Zweifel, dieses ‚zu schön, um wahr zu sein‘, zeigt sich an den Flügeln, die einfach allzu sehr wie eine Requisite wirken. Die Kostümierung des Opas mit dem grellen Licht, wirkt die ganze Szene überzeichnet.
Hier sieht man keine klassische Auferstehung aber die Bilder spielen mit diesem zentralen Motiv es christlichen Glaubens und bildet aber definitiv eine Version der Hoffnung auf etwas nach dem Tod.“

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Duane Michals, Grandpa Goes to Heaven, 1989 | © Duane Michals. Courtesy of DC Moore Gallery, New York

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