27.09.2017

Dem Bild gegenüber. The Making Of

Auf Facebook teilen

„Dem Bild gegenüber“ – Titel der Ausstellung ist Programm: Die Besucher sind ausdrücklich aufgefordert, sich mit den Kunstwerken der Ausstellung intensiv auseinanderzusetzen und ihrer ureigenen Wahrnehmung nachzuspüren. Aber macht man das nicht mehr oder weniger immer beim Betrachten von Kunst?
Was also genau ist das Konzept der Ausstellung, die Kunstwerke aus unterschiedlichen Jahrhunderten präsentiert und in den (gegenseitigen) Diskurs stellt? Nach welchen Kriterien haben die Kuratorinnen Olesja Nein und Dr. Barbara Segelken die Auswahl der Werke getroffen? Ketzerisch gefragt: vielleicht nach persönlichen Vorlieben? Oder gibt es gar eine Art übergeordneten allgemeinen Konsens, nach dem Bilder nachweisbar etwas mit dem Betrachter „machen“? Die Ausstellungskuratorinnen haben über die gemeinsame Ausstellung „Dem Bild gegenüber“ gesprochen.

Dem Bild gegenüber ... | © Draiflessen Collection

Die Idee

Die allererste Anregung zur Planung, so Barbara Segelken, ging von Direktorin Dr. Corinna Otto aus, die die Ausstellung über die gesamte Konzeption und Umsetzung auch maßgeblich mitgestaltet hat. Die Idee war es, einen großen Bogen zu schlagen von älterer hin zu zeitgenössischer Kunst. Bei den ersten gemeinsamen Gesprächen stellte Corinna Otto die Frage in den Raum, warum manche Kunstwerke nachhaltig in der individuellen Erinnerung bleiben – die thematische Basis für die Ausstellungskonzeption war geschaffen.

Aufbau James Turrell | © Draiflessen Collection

Die Planung

Im Laufe der Planungen entschieden die zwei Kuratorinnen gemeinsam mit Corinna Otto, den Schwerpunkt der Ausstellung darauf zu legen, was denn eigentlich mit dem Betrachter „passiert“, wenn er sich ein Kunstwerk anschaut. Und darauf, was sich aus diesem „Dialog“ ergeben kann: Spricht die Kunst mich an oder vielleicht gar nicht, ärgert sie mich oder rührt sie an positive oder gar negative Momente meines Lebens? Eine Erfahrung, die die Kuratorinnen dann selbst unmittelbar und immer wieder bei dem durchaus zeitintensiven und sensiblen Prozess der Zusammenstellung der Bilder gemacht haben. Es stand ihnen ja die gesamte Vielfalt künstlerischen Schaffens zur Verfügung, also „die ganze Welt“, so Olesja Nein. Im Prinzip ein Luxus, ergänzt Segelken, aber zugleich eine große Herausforderung: Es ging um „alles und nichts“ und vor allem um das Kunstwerk selbst – Künstler, die Zeit der Entstehung des Kunstwerks oder dessen kunstwissenschaftliche Einordnung sollten hier eine eher untergeordnete Rolle spielen.

Welche Werke?

Die Werkauswahl selbst, das betont Barbara Segelken, musste nach der thematischen Ausrichtung der Ausstellung, mehr als bei anderen Projekten, subjektiv erfolgen. Entscheidend waren die jeweils eigene Seherfahrung und die individuellen, aus der persönlichen Biografie erwachsenen Wahrnehmungsmuster. Auswahlkriterien also, die möglichst befreit sind von tradierten form- oder gattungsanalytischen Überlegungen, die die Kunstwissenschaft bereithält. Nicht immer einfach, räumt Olesja Nein ein, es sei aber zugleich für sie beide auch ein spannender persönlicher Prozess und eine Auseinandersetzung mit der eigenen Wahrnehmung von Kunst gewesen. Denn auch sie beide waren ja bei der Begutachtung „reduziert“ auf die Frage, was ein Werk in ihnen selbst auslöst. Das ist mitunter schwer zu greifen oder gar in Worte zu fassen. Während des Auswahlprozesses ging es dann auch darum, wie die „Neuen“, die erst später in die engere Auswahl kamen, in das Konzept und in die „Gemeinschaft“ der bereits ausgewählten Werke passen. Und da stellte sich durchaus auch mal heraus „Das geht gar nicht!“ – Da machte es keinen Sinn, es in die Präsentation aufzunehmen. „Es musste uns überzeugen“, so Barbara Segelken, denn „wenn es uns nicht überzeugt, überzeugt es andere auch nicht.“

Aufbau James Turrell | © Draiflessen Collection

Die Präsentation

„Es ist keine laute Ausstellung“, betont Segelken. Sie sei vor allem darauf angelegt, dass der Betrachter den Blick in Ruhe schweifen, sich auf die Kunstwerke einlassen kann, um eben genau dem nachzuspüren, was auch die Kuratorinnen bei der Werkauswahl durchlebt haben: „Wo werde ich wie angesprochen und von welchem Werk?“ Dazu braucht es vor allem Zeit, aber auch Raum, Ruhe und eine Atmosphäre, in der der Besucher ungestört vor den Kunstwerken stehen und sie anschauen kann. So umfasst die Ausstellung vier offene Bereiche, die mit den Oberbegriffen „Abwesenheiten“, „Körperlichkeiten“, „Immaterielle Zonen“ und „Innen/Außen“ überschrieben sind. Sie dienen als kleine Orientierungshilfe, ohne dass die Kuratorinnen den Anspruch erheben, dass jeder Besucher die Kunstwerke ebenfalls so kategorisieren würde. Im Gegenteil: Die Ausstellungsarchitektur schafft bewusst – und das war durchaus eine Herausforderung – unterschiedliche Blickachsen und dadurch den möglichst freien Dialog unterschiedlicher Werke untereinander. Sie ermöglicht damit auch dem Betrachter, freie und immer wieder ganz andere Bezüge zwischen den ausgestellten Arbeiten zu schaffen.

Es macht (doch) etwas mit mir …

Auf den ersten Blick, das ist den Ausstellungsmacherinnen bewusst, mögen manche Werkzusammenstellungen auf den Besucher vielleicht ungewöhnlich wirken. Er könnte sich zum Beispiel fragen, warum ausgerechnet diese beiden Werke nebeneinander hängen oder jene Arbeit einer weiteren gegenübergestellt ist. Die Präsentation selbst gibt darauf im Grunde keine Antwort, ist sie doch sehr reduziert gehalten. Auch auf erklärende Wandtexte wurde verzichtet, um dem Besucher eine ganz unvoreingenommene Betrachtung der Werke zu ermöglichen. Dahinter steht der Wunsch, dass der Besucher durch den Dialog mit den Werken selbst ein Gefühl für die Kunstwerke entwickelt und so seine Fragen in diesen beantwortet findet: „Wenn man sich die Zeit nimmt und einfach nur schaut, bin ich mir sicher, dass die Ausstellung etwas mit einem machen wird“, so Olesja Nein.

Olesja Nein hat an der Universität Osnabrück Kunstgeschichte und Geschichte studiert. Seit 2013 gehört sie zum festen Team der Draiflessen Collection.

Dr. Barbara Segelken hat an der Freien Universität Berlin und Humboldt-Universität zu Berlin Kunstgeschichte und Theaterwissenschaften studiert. Sie arbeitet seit Herbst 2014 für die Draiflessen Collection und hat bereits die Ausstellung „Die Kunst des Aufbewahrens“, ebenfalls gemeinsam mit Olesja Nein, kuratiert.

Kommentare

4.10.2017 - 20:23
Jochen Schmauck-Langer
Wenn ich den Ansatz richtig verstehe, legen Sie mehr Wert auf 'private' als auf kunsthistorische Bezüge. Dabei sind auch solche 'privaten' Herleitungen von Kunsthistorikerinnen gewiss geprägt von einer professionellen Ausprägung, die kaum zu ignorieren sein wird - und die den Erwartungen des traditionellen Museumspublikums (laut Besucherforschung 10 %) letztlich entsprechen dürfte. --- Es sei denn , die Auswahl die Objekte ist an deutliche Kriterien gebunden, die ich als strikt 'Teilhabe-orientiert' bezeichnen würde und deren Wertigkeit danach auch in die Vermittlung (vor allem für Menschen mit wenig Kulturerfahrungen) einginge...
5.10.2017 - 12:54
Team Draiflessen Collection
Vielen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar! Ein neuralgischer Punkt, den Sie da in Sachen Vermittlung ansprechen. Wir sind selber sehr gespannt auf die Erfahrungen, die wir mit den Besuchern machen werden. Kommen Sie sehr gerne zu uns - es wäre uns eine Freude, mit Ihnen im Rahmen eines Besuchs dieser Ausstellung ins direkte Gespräch zu kommen.
18.10.2017 - 19:14
Thomas M. Hartmann, Mettingen
Zu diesem Thema ist der folgende Artikel eine gute Ergänzung: "Spiegelungen, Spiegelungen" in ART, Oktober 2017
25.10.2017 - 11:04
Team Draiflessen Collection
Hallo Herr Hartmann, vielen Dank für den Hinweis auf den Artikel! Für Interessierte: Es handelt sich um ein Gspräch mit dem italienischen Neurowissenschaftler Vittorio Gallese, der die Spiegelneuronen entdeckt hat, Hirnzellen, die für die Wahrnehmung wichtig sind (in: art. Das Kunstmagazin, Oktober 2017, S. 84-88).
Ihr Kommentar