11.04.2019

Rembrandt: sowohl fremd als auch vertraut

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Was liegt näher, als im Rembrandtjahr eine Ausstellung zu Rembrandt Harmensz. van Rijn zu machen? Zumal, wenn es wunderbare Werke des niederländischen Künstlers in der eigenen Sammlung gibt. Unsere generelle Überlegung, Kabinettausstellungen im Studiensaal Liberna thematisch möglichst an die zeitgleich stattfindende Ausstellung andocken zu lassen, hat dann sehr schnell zu einem klaren Konzept für unsere kommende Präsentation geführt: Die im Mai eröffnende Ausstellung „Glaube“ wird sich intensiv mit diesem existenziellen Thema auch weit über die religiöse Bedeutung hinaus auseinandersetzen. So war der erste Schritt bei der Konzeption der Kabinettausstellung „fremd und vertraut“, aus dem Bestand an Grafiken Rembrandts diejenigen Blätter auszuwählen, in denen dieser motivisch an biblische Geschichten anknüpft.

Mit der Frage, wie der Titel entstanden ist, haben wir das gemeinsame Gespräch mit den drei Kuratorinnen Iris Ellers, Tanja Revermann und Maria Spitz eröffnet. Damit sind wir gemeinsam direkt in das Faszinosum Rembrandt eingetaucht, um der Frage nachzugehen, „was ihn bis heute so lebendig und zeitgemäß hält, und warum seine Blätter nach wie vor so anrühren“, so Maria Spitz. 

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fremd und vertraut | © Draiflessen Collection

Er hat mit denselben Augen in die Welt geschaut

Unabhängig davon, ob jedem sofort klar ist, um welche biblische Vorlage es sich bei dem jeweiligen Blatt handelt (oder ob er überhaupt sofort den biblischen Ursprung erkennt), ziehen vor allem die detaillierten und facettenreich geschilderten Physiognomien in den Bann, in denen sich sämtliche Emotionen menschlichen Daseins spiegeln: Freude, Trauer, Neugierde, Wut, Zweifel, Entsetzen, Erstaunen … So konzentriert sich das Blatt „Tobits Blindheit“ auf die Emotionen eines blinden, alten Mannes, der seinem lang vermissten Sohn unsicher und stolpernd entgegenstrebt. Mimik und Körperhaltung spiegeln alles, was ihn in diesem Moment innerlich an Freude und Hoffnung bewegen mag – anschaulich und unmittelbar nachvollziehbar, ohne die biblische Vorlage als solche nachzuerzählen. Rembrandt verbildlicht bekannte und vertraute, zutiefst menschliche Regungen, die auch heute jeder von sich selbst kennt und in denen er sich also wiederfinden kann. „Rembrandt hat das gesehen, was wir auch sehen, hat mit denselben Augen in die Welt geschaut“, fasst Tanja Revermann zusammen. Seine Kunst schlägt damit einen Bogen weit über das 17. Jahrhundert hinaus bis in die Gegenwart.

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Rembrandt Harmensz. van Rijn, Tobits Blindheit (Der alte Tobias eilt seinem Sohn entgegen), 1651 | © Draiflessen Collection (Liberna), Foto/photo: Stephan Kube

… fremd? … vertraut?

Obwohl viele der biblischen Geschichten, die Rembrandt aufgreift, nicht zuletzt durch deren lange bildnerische Tradition bis heute bekannt sind, mögen manche Szenen dem heutigen Betrachter dennoch fremd erscheinen: Rembrandt versetzte die biblischen Vorlagen szenisch in seine eigene Gegenwart, nämlich die des 17. Jahrhunderts. Genau das aber ließ sie seinen Zeitgenossen näher in ihre eigene Lebenswirklichkeit rücken, also vertraut erscheinen, konnten sie sich doch in ihnen wiederfinden und verorten.
Rembrandts Bildkompositionen leben durch starke Helldunkelkontraste. Teilweise verschwinden Partien des dargestellten Geschehens so in den dichten Geflechten seiner Schraffuren, dass sie kaum mehr zu erkennen sind. So wechselt auch eine grundsätzlich bekannte Bibelgeschichte, die aber nur andeutungsweise zu erkennen ist, zwischen fremd und vertraut, ist doch allein diese künstlerische Herangehensweise besonders – und für den damaligen Betrachter gänzlich neu. Aber auch heute wird manch einer möglicherweise eine Weile brauchen, um sich zum Beispiel die Szene und die Figuren in „Die Grablegung“ (ca. 1654) in allen Details zu erschließen.

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Rembrandt Harmensz. van Rijn, Die Grablegung, ca. 1654 | © Draiflessen Collection (Liberna), Foto/photo: Stephan Kube

Er ist nicht zu greifen

Rembrandt als Künstler und auch als Mensch wirft Fragen auf – das haben alle drei Kuratorinnen in der Auseinandersetzung mit dem Ausstellungsthema sehr deutlich erlebt: Warum setzte er sich als Calvinist ausgerechnet auch mit geradezu urkatholischen Mariendarstellungen auseinander? War er wirklich so bibelfest oder sind seine lebensnahen und allzu menschlichen Darstellungen heiliger Figuren nicht viel zu „gotteslästerlich“, wie man ihm vorwarf? Diente die Auswahl seiner Themen und Motive einzig als Grundlage rein künstlerisch motivierter Kreativität oder wählte er vielleicht doch ganz bewusst nach Verkaufsträchtigkeit aus – er musste sich und seine Familie schließlich ernähren …? Fragen, die auch die Ausstellung nicht zu beantworten versucht, denn: „Er ist einfach nicht zu greifen“, resümiert  Iris Ellers und spricht damit auch das an, was für alle drei Kuratorinnen unter anderem das Faszinierende an Rembrandt ausmacht.


Hier haben wir natürlich genauer nachgehakt und das jeweilige Lieblingsblatt der Ausstellung erfragt. Für Maria Spitz ist das vor allem „David im Gebet“ (1652): eine männliche Figur, vor dem Bett kniend, demütig, ganz allein und tief im Gebet versunken. Diese wirkt dennoch nicht allein gelassen, was sich durch seinen Blick und  durch das Licht von hinten anzudeuten scheint. Gezeigt ist ein David, bei dem man eben nicht an den stolzen Sieger über Goliath denkt, an den Mann, der den Ehemann seiner Geliebten Bathseba ohne zu zögern in den Tod geschickt hat, sondern an einen sehr gläubigen,  möglicherweise in diesem Augenblick jedoch verzweifelten, mindestens aber zweifelnden Mann. Aber, so Maria Spitz, „warum soll er nicht auch zweifeln können?“

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Rembrandt Harmensz. van Rijn, David im Gebet, 1652 | © Draiflessen Collection (Liberna), Mettingen, Foto/photo: Stephan Kube

Tanja Revermann tendiert eher zu der „Heiligen Familie mit der Katze und der Schlange“ (1654), da es „den heutigen Menschen mitnimmt in ein typisches niederländisches Haus des 17. Jahrhunderts“. Für sie spiegelt Josef, der von außen durch das Fenster auf die innige Szene mit Maria und dem Jesuskind schaut, auch den Betrachter, der ebenfalls von außen auf das intime Geschehen blickt und so vom Künstler mit einbezogen wird.

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Rembrandt Harmensz van Rijn, Die Heilige Familie mit der Katze und der Schlange, 1654 | © Draiflessen Collection, Mettingen, Foto / Photo: Stephan Kube

Iris Ellers begeistert sich vor allem für die grafische Arbeitsweise Rembrandts, die besonders in „Die drei Kreuze“ (1653) zum Ausdruck kommt. Er hat die Kupferplatte auf der Suche nach dem Kern des Darzustellenden so oft überarbeitet, die Schattenbereiche so dicht mit Kreuz- und Parallelschraffuren versehen, dass diese im Abdruck nahezu schwarz wirken, die dargestellte Szene im Dunkel verschwindet. Der Betrachter hat Mühe, neben dem schlaglichtartig ausgeleuchteten, gekreuzigten Christus im Zentrum der Komposition die beiden anderen Kreuze zu dessen Rechten und Linken zu erkennen. In dieser meisterhaften Auslotung von Licht und Dunkelheit, den ausgearbeiteten Facetten sämtlicher denkbarer Emotionen in den Gesichtern all derer, die sich um die Kreuze versammelt haben, zeigt sich, so Iris Ellers, auf ganz besondere Weise die Perfektion und die Experimentierfreude des Radierers Rembrandt.

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Rembrandt Harmensz. van Rijn, Die drei Kreuze, 1653/1661 | © Draiflessen Collection (Liberna), Foto/photo: Stephan Kube

„Wir wollen miteinander sprechen, nicht führen“

Wie war eigentlich die Zusammenarbeit, treffen hier doch (geradezu interdisziplinär) Historikerin, Museumspädagogin und Kunsthistorikerin zusammen, dennoch mit Blick aus jeweils anderer Perspektive? „Wir waren uns in allen Belangen – Auswahl, Präsentation, Innengestaltung, Umsetzung der Publikation – erstaunlich schnell einig“, so die einhellige Meinung. Gerade die drei unterschiedlichen Blickwinkel haben alle drei als wichtig und anregend erlebt. Mit Start des Projekts sind sie sofort tief in die Beschäftigung mit Thema und Künstler eingetaucht.   
Alle drei freuen sich nun auf die Reaktionen der kommenden Besucherinnen und Besucher in den Führungen. „Wir wollen miteinander sprechen, nicht führen“, wünscht sich Tanja Revermann, denn jedes einzelne Blatt erzähle ganze Geschichten.


Iris Ellers hat an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster Neuere und Neueste Geschichte, Historische Hilfswissenschaften und Soziologie studiert. Sie arbeitet seit 2008 für die Draiflessen Collection und ist Kuratorin der Liberna Collection.


Tanja Frederike Revermann ist gelernte technische Zeichnerin, ausgebildet unter anderem in musealem Modellbau. Sie hat im Museum Varusschlacht Kalkriese als Guide gearbeitet, für dieses Ausstellungsmodelle gefertigt und das Kindermuseum aufgebaut. Parallel dazu hat sie sich, hauptsächlich in den Niederlanden, als Museumspädagogin ausbilden lassen. Als solche arbeitet sie seit 2010 im Team der Draiflessen Collection.


Dr. Maria Spitz studierte Kunstgeschichte, Musikwissenschaften und Philosophie an der Universität zu Köln, wo sie 2003 mit einer Arbeit zu textilem Interieur in der altniederländischen Malerei promoviert wurde. Seit 2006 arbeitet sie für die Draiflessen Collection. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen  insbesondere in der  Mode- und Textilgeschichte.

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