27.11.2019

Mit verbundenen Augen

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Als Besucher*in in einem Museum ist man immer auch Betrachter*in – oder nicht? Was passiert, wenn man die Kunst in den Ausstellungen nicht sehen kann? Die Führung mit verbundenen Augen ist ein Experiment, sich mit seinen eigenen Erwartungen auseinanderzusetzen und eine Erfahrung einzugehen, die zunächst einmal absurd wirken mag. Wenn man die Werke nicht sehen und natürlich auch nicht anfassen kann, wie nimmt man sie dann wahr? Die Guides Katja Pahlmann und Ute Büning übernehmen gewissermaßen die Aufgabe der Augen und beschreiben die Objekte in der Ausstellung. Diese Form der Führung verlangt von den Teilnehmenden, der gegebenen Beschreibung zu vertrauen, der eigenen Vorstellungskraft Raum zur Entfaltung zu lassen und sich von einem konventionellen Museumsbesuch zu verabschieden.

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Schlafmaske für die Führung | © Draiflessen Collection

Die eigene Kunstsammlung im Kopf

Mit gespitzten Ohren und Schlafmasken über den Augen sitzt eine kleine Gruppe im Ausstellungsraum vor einem Kunstwerk. Die beiden Guides stehen neben dem Werk und beschreiben den Eindruck, den es in ihnen hervorruft, um den Zuhörenden so eine Idee von dem Bild zu geben. Das „innere Museum“ der Teilnehmenden soll aktiviert werden: Jede*r hat eine visuelle Kunstsammlung im Kopf, die durch vorherige Ausstellungen, Umgang mit Kunst oder auch einfach popkulturelle Einflüsse entstanden ist. Ein und dieselbe Beschreibung rufen bei den einzelnen Zuhörenden ganz individuelle Bilder hervor. Das macht bereits deutlich, dass es bei dieser Führung nicht darum geht, ein möglichst akkurates, realitätsnahes Abbild der beschriebenen Kunstwerke in seinen Gedanken zu kreieren, sondern vielmehr die persönliche Vorstellungskraft und das Kunstverständnis zu testen. Die Führung mit verbundenen Augen eröffnet Sehenden neue Zugangsformen zur eigenen Wahrnehmung und eine neue „Sicht“ auf die Kunst. Egal ob erfahrene*r Kunstkenner*in oder Neuling auf dem Gebiet: Diese „blinde“ Führung fordert einen heraus und macht Lust auf mehr!

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Kunst mit verbundenen Augen | © Draiflessen Collection

Sinneseindrücke, ohne zu sehen

Doch ebenso besteht die Herausforderung, wie ein Kunstwerk überhaupt adäquat geschildert werden kann. Ist eine detaillierte Beschreibung tatsächlich sinnvoll, um den Eindruck eines Werks zu übermitteln? Wie beschreibt man seine Größe, und gibt es nicht auch so viele Varianten von Blau oder Rot, wenn man mal ganz genau darüber nachdenkt? Katja Pahlmann sagt dazu, dass die Farben gar nicht so wichtig sind, sondern eher, „die Idee“ des Kunstwerks zu vermitteln. Um diese Idee etwas besser greifbar zu machen, überlegen Pahlmann und Büning vorher, welche Werke auch durch andere Sinneseindrücke wahrgenommen werden können. Ohne den Sehsinn – welcher für Sehende der Sinn ist, auf den sie sich am meisten verlassen – und ohne die Kunstwerke anfassen zu dürfen, greifen die Guides immer mal wieder auf Requisiten zurück. Ein alter Pelz, der dabei hilft, das Porträt einer russischen Dame zu beschreiben, oder ein Stück Holz, um die Oberflächenstruktur einer Skulptur zu erklären, oder auch der Geruch einer bekannten Creme für Kinder, um persönliche Erinnerungen zu wecken.

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Requisiten für die Führung | © Draiflessen Collection

Jedes Mal eine Überraschung

Es gehört auch etwas Vertrauen dazu, sich von einer anderen und womöglich fremden Person durch den Raum führen zu lassen. Immer ein Duo bestreitet gemeinsam den Ausstellungsrundgang und kann sich dabei untereinander als Träger*in der Augenbinde abwechseln. Auch Katja Pahlmann und Ute Bühning übernehmen gerne den Part der Führenden. Dadurch entsteht schnell eine offene Gruppendynamik. Zu dieser trägt auch der Austausch über die eigenen Erwartungen im Abgleich zu dem tatsächlichen Werk bei. Denn nach jeder Beschreibung folgt schließlich auch die Enthüllung, und die künstlerische Arbeit darf sehend betrachtet werden – das führt eigentlich jedes Mal zu Überraschungen! Nicht nur, dass das innerlich entstandene Bild nicht zu dem passt, was man vor sich sieht, sondern auch die geteilten Vorstellungen der anderen Teilnehmenden sind besonders spannend. Denn so merkt man schnell, dass jeder ganz individuell auf die gleiche Beschreibung reagiert. Dadurch wird auch klar, dass es nicht um ein „richtig“ oder „falsch“ geht, sondern um eine neue Annäherung an die Kunst. Es ist übrigens auch interessant, die Ausstellung mit verbundenen Augen zu erkunden, wenn man sie bereits gesehen hat. Im Selbstversuch erschienen nämlich trotz Vorwissen ganz andere Bilder vor dem inneren Auge.


Wer nun Lust bekommen hat, sich darauf einzulassen Kunst anzuhören: Die nächste Führung mit verbunden Augen ist für den 16. Januar geplant!


Die Neue Osnabrücker Zeitung berichtet am 19. November 2019 über die Führung: https://www.noz.de/lokales/lotte/artikel/1937328/in-der-mettinger-draiflessen-collection-kunst-mit-verbundenen-augen-erleben

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