18.10.2018

Es darf alles sein!

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Wer hat – als nicht Digital Native – nicht schon mit einer patentierten Faltkarte eines namhaften Kartenherstellers gekämpft und leicht verzweifelt versucht, dem Fahrer neben sich den Weg zu weisen? Wer dann die Karte anschließend nie wieder so zu zusammenfalten konnte, wie sie war,  begegnet dem Medium Karte möglicherweise nicht völlig unvorbelastet. Anders wird es dann vermutlich, wenn man sich als Kind für Seeräubergeschichten, Schatzsuche mittels selbsterstellter Karten und Schnitzeljagden begeistern konnte.

Dr. Corinna Otto, die Direktorin der Draiflessen Collection, ist die Tochter eines Kapitäns. Dessen Routen wurden in der heimischen Küche auf einer Karte markiert, die die Familie zuhause so gewissermaßen mit auf Reisen nahm. Zusammen mit den väterlichen Geschichten und Fotos „
entstand in unseren Köpfen eine bunte und großartige Welt mit unzähligen fremden Ländern, Menschen, Sitten und Gebräuchen“, so schildert Corinna Otto diesen Aspekt ihrer Kindheit und verortet damit den Ursprung der Idee zum Ausstellungsthema.

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across boundaries | © Draiflessen Collection

Die ganze Welt?

Die ganze Welt In der Sammlung der Draiflessen Collection befinden sich zahlreiche kartografische Werke, nicht zuletzt der zwölfbändige, handkolorierte „Atlas Maior, Sive Cosmographia Blaviana“, 1662 von dem niederländischen Kartografen Joan Blaeu erstmals veröffentlicht. Als Großprojekt angelegt, die Welt in seiner Gesamtheit abzubilden, steht er auch für die Frage, ob Karten tatsächlich neutrale Abbilder der Wirklichkeit sein können. Schließlich war das zugrunde gelegte Kartenmaterial allerspätestens zum Zeitpunkt der Veröffentlichung längst veraltet, konnte der Atlas mögliche aktuellere Erkenntnisse über die Welt schon nicht mehr beinhalten. Damit greift die Ausstellung einen elementaren Gedanken auch der sogenannten Kritischen Kartografie hervor, dass Karten vor allem Konzepte von Wirklichkeit sind, die den Wissensstand und die Perspektive der jeweiligen Kartenmacher abbilden und stets auf der vorhandenen Auswahl von Informationen beruhen.

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Joan Blaeu, Le Grand Atlas ou Cosmographie Blaviane, 1667 | © Draiflessen Collection (Liberna), Mettingen W 875 I-XII, Foto/photo: Henning Rogge

Wissen – Macht – Vorstellung

Nicht nur angesichts Migration und Flüchtlingsbewegung, heute aktueller denn je, lag es nahe, thematisch im Kontext der vielgestaltigen Bedeutung von Karten  eine Ausstellung zu konzipieren. Bereits bei der ersten Auseinandersetzung mit historischen Beispielen führte der Weg in die bildende Kunst, sind es doch die Eigenschaften der Karte, die vor allem zahlreiche Gegenwartskünstler rund um den Globus beschäftigen: Karten erfassen die Welt, sind historische Wissensspeicher, schaffen Bilder von der Welt und prägen diese damit auch. Insofern können sie, je nach Intention der Ersteller oder Nutzer, als Machtinstrumente genutzt oder gar missbraucht werden. Mit ihnen lassen sich aber auch imaginäre Welten und Räume schaffen, sie öffnen den Weg zu Kreativität und Fantasie, machen Ideen und Vorstellungswelten sichtbar.

Aus diesen Überlegungen im Zuge der intensiven Beschäftigung mit Karten, Atlanten, Globen und den unterschiedlichsten Arbeiten internationaler Künstler, haben sich dann auch die drei Bereiche der Ausstellung „Wissen“, „Macht“ und „Vorstellungskraft“ ausgeprägt, denen die 44 Exponate zugeordnet sind – im Bewusstsein, dass sich die jeweils anderen beiden Anteile mehr oder weniger in allen Werken finden lassen. Daher lässt die Offenheit der Ausstellungsräume alternative Bezüge über die räumliche Zuordnung hinaus zu, geht es ja auch um die Kommunikation der Werke untereinander, so Nicole Roth, neben Sandra Bieler, Iris Ellers und Andrea Kambartel eine der vier Kuratorinnen.

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James Gillray, The Plumb-pudding in danger – or – State Epicures taking un Petit Souper, 26.02.1805 | © Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek (Foto/photo : Dietmar Katz, Berlin)

Parallele Wirklichkeiten?

Die Erkenntnis, dass es auch in der hochtechnisierten Gegenwart nicht gelingen wird – vermutlich auch nicht in der Zukunft –, die Welt ganz zu erfassen, zieht sich durch die gesamte Präsentation. So ist beispielsweise dem bereits erwähnten Blaeu-Atlas räumlich ein Werk des US-amerikanischen Künstlers Clement Valla zur Seite gestellt. „Postcards from Google Earth“ stellen die Exaktheit von Hunderttausenden von Satellitenbildern, die per digitaler Technik ineinandergefügt auf Google Earth eine realistische Abbildung der Erdoberfläche ergeben sollen, infrage: Gerade an bestimmten Momenten der sich automatisch immer wieder aktualisierenden Bilder verschiedenster Standorte, Qualitäten und Zeitpunkte entstehen natürlich Ungenauigkeiten und Brüche, die zum Beispiel zu skurrilen, fast achterbahnartigen Straßenformierungen führen. Bilder von temporär unperfekten Stellen also, die die Schwächen auch der heutigen Technik offenbaren und die Iris Ellers an „Einblicke in parallele Wirklichkeiten“ denken ließen. Und das, obwohl die Quellen aus Satellitentechnik, GPS etc. doch vermeintlich wesentlich aktueller und genauer sind als die, die Joan Blaeu für seinen Atlas nutzte.

Die Faszination für das Thema, vor allem auch für die vermeintlich so neutralen oder gar trockenen Karten, ist den Kuratorinnen anzumerken: Ob es die historischen Karten sind, erstellt mit großer Kunstfertigkeit, handwerklichem Geschick und mit durchaus fantasievoller Vorstellungskraft, die Geschichten erzählen, Bilder in den Köpfen erzeugen und die tatsächlich auch keinen im Team kalt gelassen haben. Oder auch die zeitgenössischen Arbeiten, die Fakten, von Karten nur scheinbar vermittelt, hinterfragen, und damit deutlich machen, dass sich Menschen oder Gesellschaften mittels Karten auf völlig unterschiedliche Weise ausdrücken.
Die Werke der Ausstellung zeigen, so die Kuratorinnen, dass es eben keine klare Kopfsache ist, sich in der Welt zu verorten. Es gibt so unendlich viele Vorstellungen von Welt, verstehe und erfasse ich selbst sie also wirklich „richtig“ oder gar vollständig?

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Clement Valla, Postcards from Google Earth, 2010–today | © Clement Valla

grenzüberschreitend

Der Titel „grenzüberschreitend“ stand von Anfang an fest, zog sich programmatisch auch durch den Konzeptionsprozess. So sind Kartografen und Künstler zeitüberspannend aus mehreren Jahrhunderten bis in die Gegenwart vertreten – das Original der Rekonstruktion der Ebstorfer Weltkarte ist um 1300 entstanden, die jüngste vertretene Künstlerin ist 1984 geboren. Die Ausstellung führt über den gesamten Globus, sind doch Arbeiten aus allen Kontinenten zu sehen.


Während Europäer ganz selbstverständlich mit Karten aufwachsen, in denen Europa das Zentrum ist, machte spätestens die Arbeit an der Ausstellung deutlich, wie einseitig diese Sicht ist. Diese, natürlich nicht neue, aber nun erst klar ins Bewusstsein dringende Erkenntnis ließ dann auch sehr schnell die unbewusst doch ausgeprägte eurozentristische Sichtweise und damit die eigenen Grenzen und Weltbilder überwinden, ändern und erweitern.
Bereits zu Beginn des Ausstellungsrundgangs führt eine Auswahl aus dem immer noch stetig wachsenden Projekt „World Map Archive“
des Berliner Grafikers Benjamin Pollach unmittelbar vor Augen, dass eben jeder die Welt anders sieht: Er sammelt seit Jahren aus der Erinnerung gezeichnete Weltkarten von Menschen aus aller Welt, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ein wichtiges Fazit der Ausstellung steht also programmatisch gleich zu Beginn: „Es darf alles sein!"

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