26.11.2018

Auf den Spuren der „Vermeierung“ im Tecklenburger Land

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 „Ohhh, Papa! Nicht schon wieder! Wir wollen nach Hause!”, werde ich von der Rückbank aus ermahnt. Ich habe gerade etwas plötzlich und unsanft auf die Bremse getreten und den Wagen irgendwo zwischen Hagen am Teutoburger Wald und Holperdorp am Straßenrand zum Stehen gebracht.

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Ausstellung -meier | © Draiflessen Collection

Nicht schon wieder …

Wir kommen soeben von einem Fußballspiel der E-Jugend in Natrup. Es ist schon das zweite Mal, dass ich abrupt bremse, weil ich wieder ein Hinweisschild gesehen habe: Baumschule Tiesmeyer war es vorhin, jetzt, nur wenige Hundert Meter weiter, ist es die Anhängervermietung Alteruthemeyer. Anscheinend sind wir in einem guten „Jagdgebiet“ unterwegs. Alteruthemeyer – was für ein Name! Toll! Also, rechts ranfahren, aussteigen und schnell ein Foto machen. „Sensationell!”, rufe ich aus, als ich wieder einsteige. „In Mettingen habe ich letzte Woche einen Ruthemeyer fotografiert! Dass es noch einen Alteruthemeyer gibt, ist doch echt ein Hammer!” Doch meine Begeisterung springt einfach nicht auf meine beiden kleinen Mitfahrer über. Auch meine Frau neben mir hat nur ein müdes Lächeln übrig und rollt mit den Augen, als wir uns wieder in Bewegung setzen.

Über 160 -meier-Namen habe ich inzwischen von Hinweisschildern, Handwerkerbullis, Straßenschildern und Werbetafeln abfotografiert. Mittlerweile sind die Fotos Teil einer Ausstellung, die seit dem 16. November in der Draiflessen Collection in Mettingen zu sehen ist. „Hof- und Familiennamen auf ‚-meier‘ im Tecklenburger Land” ist ihr Titel. Meine Familie war auch schon da und hat sie sich angesehen. Ein bisschen stolz waren die Drei dann schon. Immerhin waren sie dabei, als so manches von diesen Fotos geschossen wurde, die jetzt Teil einer Ausstellung sind.

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Ausstellung -meier | © Draiflessen Collection

Alles Quatsch!

Initial meiner Fotojagd war eine Begebenheit vor etwas über einem Jahr. Ich war zu einer kleinen Gesellschaft in den Gasthof Merschmeyer – nomen est omen – in Mettingen eingeladen worden. Dort wurde mir Josef Bröker vorgestellt. Ohne zuvor viele Worte gewechselt zu haben, kam er auch gleich auf den Punkt: „Sie arbeiten doch für Draiflessen und die Familie Brenninkmeyer! Dann wissen Sie ja sicher auch, wo der Name Brenninkmeyer herkommt!“

Obwohl jenseits der vierzig, fühlte ich mich doch unwillkürlich in meine Schulzeit zurückversetzt. Ich fühlte mich ertappt. Als Historiker und Archivar, der doch damals immerhin schon beinahe acht Jahre im Archiv der Familie Brenninkmeyer arbeitete, hätte ich dieser Frage doch längst schon intensiv nachgehen müssen. Hatte ich aber nicht. Stattdessen referierte ich Erklärungen, die Chronisten der Familie Brenninkmeyer in den 1930er- und 1950er-Jahren formuliert und die ich irgendwann einmal gelesen hatte. „Alles Quatsch!“, beschied mir Bröker in seiner direkten westfälischen Art. „Aha!“, sagte ich, „Wo kommt er denn Ihrer Meinung her – der Name Brenninkmeyer?“ Und dann lieferte er mir in einem zehnminütigen Spontanvortrag seine Theorie zur Herkunft des Namens. Am Ende seiner Erläuterungen sagte ich: „Das glaube ich Ihnen jetzt aber auch nicht.“

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Ausstellung -meier | © Draiflessen Collection

Durchaus plausibel … oder?

Josef Bröker war aber so überzeugt von seinen Darlegungen, dass ich es doch für richtig hielt, mir eine weitere – akademische – Meinung dazu einzuholen. Ich nahm Kontakt zu dem Historiker und Sprachwissenschaftler Christof Spannhoff vom Institut für vergleichende Städtegeschichte an der Universität Münster auf und erläuterte ihm Brökers Theorie. Spannhoffs Einschätzung: „Durchaus plausibel, müsste überprüft und einmal diskutiert werden, zumal zur Herkunft der vielen -meier-Namen im Tecklenburger Land bislang wenig bekannt ist.“

Und es sind viele! Ab diesem Moment sah ich sie plötzlich überall, und meine fotografische Jagd auf sie nahm ihren Anfang: Birkemeyer, Hestermeyer, Kiffmeyer, Piepmeyer, Tassemeier, Tietmeier, Ziepelmeyer. Doch damit stand auch die Idee im Raum, nicht nur der Herkunft des Namens Brenninkmeyer auf die Spur zu kommen, sondern einmal die gesamte Namenfamilie mit Endung auf -meier unter die Lupe zu nehmen.

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Ausstellung -meier | © Draiflessen Collection

Die Theorie im wissenschaftlichen Diskurs

Das haben wir nun am vergangenen Freitag im Rahmen eines Symposions in der Draiflessen Collection getan. Gleich nach Sebastian Schröder von der Universität in Münster, der einen Vortrag über die kulturgeschichtliche Entwicklung des Tecklenburger Lands gehalten hat, hat Josef Bröker seine Theorie zur Herkunft des Namens Brenninkmeyer vorgestellt. Dieser folgend leitet sich der Name von „brennen“ ab, da auf dem Stammhof der Familie – dem Brenninckhof – Schweine mit einem Brenneisen markiert worden waren, bevor sie zur Mast in die umliegenden Wälder getrieben wurden. Dem Vortrag Brökers folgten Christof Spannhoff, Ann Marynissen, Roland Linde und Andreas Eiynck, die ihre Forschungen über -meier-Namen in unterschiedlichen Landstrichen Westfalens und den Niederlanden vorgetragen haben. Es scheint, als habe es in der frühen Neuzeit in Westfalen tatsächlich so etwas wie eine „Vermeierung“ gegeben, da viele Höfe und Familien einen -meier-Namen angenommen haben.

Die Informationen, von den Referenten auf einer breiten Quellenbasis erarbeitet worden, waren sehr dicht. Die Vorträge sollen im kommenden Jahr in einem Sammelband veröffentlicht werden.

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Ausstellung -meier | © Draiflessen Collection

Die Ausstellung

Ich habe mich wirklich sehr gefreut, dass unser Symposion auf so großes Interesse gestoßen ist und mehr als Hundert Teilnehmer in die Draiflessen Collection gekommen sind. Ein bisschen Genugtuung war dabei, als ich zum Ende des Symposions von meiner Frau und meinen Kindern abgeholt wurde. Ich bin eben doch nicht der einzige, der sich für -meier-Namen interessiert!

Und alle, die sich sonst noch für das Thema interessieren, es aber nicht zum Symposion geschafft haben, sei ein Besuch der Ausstellung empfohlen, die noch bis zum 17. Februar 2019 in der Draiflessen Collection zu sehen sein wird. Hier bekommt man nicht nur einen Eindruck von der Vielfalt dieser Namenfamilie, sondern auch davon, auf welchen Objekten sie uns überall begegnen. Ein Fokus liegt auf der Herkunft des Hof- und Familiennamens Brenninkmeyer, dessen Erforschung Anlass für Symposion und Ausstellung waren.


Ein Bericht von Kai Bosecker, Historiker in der Draiflessen Collection


 

Comments

5.12.2018 - 16:26
Dirk Barfuss
Sehr geehrter Herr Bosecker, sehr sympathisch Ihre Einleitung des Symposiums wie Ihr vorstehender kleiner Nachtrag. Beeindruckend und aufschlussreich fand ich die Vorträge, jeder auf seine Weise! "Complimenti, complimenti" für die Zusammenstellung der Referenten - ich lese weiter zu diesem großen Themenkomplex. Sollten auch Sie an eine Fortsetzung denken, wäre ich gern wieder unter Ihren Zuhörern. Und haben Sie und Ihre Kolleginnen und insbesondere die verehrte Familie Brenninkmeyer besten Dank für die großzügige Aufnahme in Ihrem Hause! Mit adventlichen Grüssen aus Münster Ihr Dirk Barfuss
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