29.07.2019

Von Caritas über Mission(ierung) zum interreligiösen Dialog

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Caritas oder Karitas – was ist das eigentlich? Abgeleitet aus dem lateinischen caritas (Wert, Wertschätzung, Liebe) bezeichnet es seit den Anfängen des Christentums eine der christlichen Tugenden. Diese konkretisiert sich in der tätigen Nächstenliebe und der Wohltätigkeit, also in dem Bestreben, denen, die weniger haben, gar Not leiden, etwas abzugeben, sie zu unterstützen. Dies umfasste neben den „Almosen“ immer auch die Fürsorge und Pflege der Alten und Kranken.

Im Juni 2019 hat die Draiflessen Collection ein Symposium unter dem Titel „Caritas – Charity – Philanthropie – Corporate Citizenship. Gute Werke, das katholische Milieu und die Spenden“ veranstaltet. Im Rahmen dessen haben sich die Referentinnen und Referenten aus verschiedenen Fachbereichen dem Thema mit unterschiedlichen Fragestellungen genähert.
Maßgeblich beteiligt an der Planung und Organisation des sich über drei Tage erstreckenden Symposiums war die Kulturanthropologin Prof. Dr. Christine Aka. Seit Anfang 2015 arbeitet sie freiberuflich für die Draiflessen Collection und erforscht das soziale Engagement der Unternehmerfamilie Brenninkmeijer. Aus diesem Projekt hat sich die Idee zum Symposium entwickelt, an dem sie auch mit einem Vortrag beteiligt war. Dies war für uns ein willkommener Anlass, uns mit ihr über das Thema Caritas zu unterhalten.

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Philips Galle (nach Pieter Brueghel d. Ä.), Caritas (aus der Serie: Die Sieben Tugenden), Ausschnitt, ca. 1559/60 | © Draiflessen Collection

Von Caritas zu Charity

Wesen, Konzept und Ausrichtung der „Wohltätigkeit“ haben sich im Laufe der Zeit, insbesondere seit Ende des 19. Jahrhunderts im Zuge von Kolonialisierung und im Laufe des 20. Jahrhunderts mit der Globalisierung wesentlich verändert. Unter dem Begriff „Charity“ etabliert sich dann ab Mitte der 1950er-Jahre ein wesentlich umfangreicheres Verständnis, das vor allem nicht mehr auf kirchlich initiiertem Engagement basiert, sondern zunehmend zu einer bürgerlichen Verpflichtung wird.
Es wächst auch das Interesse daran, (kritisch) zu hinterfragen, zu welchen Ergebnissen Spenden führen. Es entstehen umfangreichere, zunehmend international angelegte Projekte, Netzwerke und Gremien, die sich immer stärker professionalisieren.
Die sogenannte Entwicklungshilfe ab 1961, die international koordiniert und abgestimmt wird, wandelt sich in den folgenden Jahrzehnten mehr und mehr in eine solidarische Entwicklungszusammenarbeit der Industrienationen mit den Entwicklungsländern. Im Rahmen der „Hilfe zur Selbsthilfe“ werden seitdem unterschiedlichste Projekte und Programme gefördert, deren Ausrichtung über die reine Spendentätigkeit oder Nothilfe in Krisensituationen weit hinausgeht.

Philanthropie und Corporate Citizenship

Der Begriff der Philanthropie erweitert den der christlichen und kirchlich geprägten Nächstenliebe. Er beinhaltet das grundsätzliche menschenfreundliche Denken und Verhalten jedes einzelnen Menschen, das Streben nach Solidarität und Gerechtigkeit, die Liebe zur Menschheit an sich, aber auch zur Schöpfung allgemein. Philanthropisches Engagement umfasst also auch die Liebe zur Natur und zur Welt als solcher, die es zu schützen gilt. Daraus resultieren Bestrebungen und Projekte, die unter den Gesichtspunkten von Ökologie und Nachhaltigkeit konzipiert und umgesetzt werden.
Infolgedessen muss auch ein Unternehmen als „Bürgerschaft“ (Citizenship), das sich als philanthropisch versteht, dafür sorgen, dass seine Philosophie und damit seine Produktionsweise oder seine Arbeitsverhältnisse mit diesen Grundsätzen in Einklang stehen. Diese
Erweiterung des Prinzips wird als Corporate Citizenship bezeichnet und umfasst die Verantwortung von Unternehmen für die Welt und die Menschen, die in ihr leben. Kurz gefasst: Die jeweilige unternehmerische Strategie soll mittel- und langfristig hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen und ökologischen Verantwortung ausgerichtet werden.

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Leo Brennninkmeijer während seiner Ausbildung bei den Herz-Jesu Missionaren in Münster Hiltrup, 1906/1907 | © Archiv der Norddeutschen Provinz der Herz-Jesu-Missionare (Hiltruper Missionare), Münster Hiltrup

Bildung und Mission

Mit dem Symposium wurde auch die begleitende Ausstellung „Soziales Engagement aus Tradition und Verpflichtung“ eröffnet, die die Themen der Veranstaltung anhand einer Auswahl von Bildwerken, Objekten, Fotos und Schriftstücken mit lokalem Bezug zu Mettingen nachhaltig erfahrbar macht.
Unter vielem anderen greift die Ausstellung das Thema der Missionstätigkeit auf und skizziert dies auch am Beispiel von Leo Brenninkmeijer (1886–1951), der sich bereits in jungen Jahren gegen eine Karriere im Unternehmen und für die Priesterausbildung entschied. So wurde er 
in der Gemeinschaft der Herz-Jesu-Missionare zum Missionar ausgebildet. Im katholischen Milieu genoss diese Gemeinschaft, auch Hiltruper-Missionare genannt, einen guten Ruf, berichtet deren Archivarin Sabine Heise. 1897 war das große Kloster in Hiltrup eingeweiht worden, die Wurzeln der Gemeinschaft liegen jedoch in Frankreich, wo sie Pater Jules Chevalier 1854 ursprünglich zum Zwecke der Volksmission gegründet hatte. Nachdem die Herz-Jesu-Missionare während des französischen Kulturkampfes ihre Heimat verlassen mussten, errichteten sie Klöster in den Nachbarländern, außerdem übertrug ihnen Papst Leo XIII. ein Missionsgebiet in Ozeanien.


Anfang des 20. Jahrhundert wollten viele Jungen Missionare werden. So auch der 14-jährige Leo Brenninkmeijer, der am 11. Juni 1900 in die apostolische Schule in Hiltrup aufgenommen wurde. Im Provinzarchiv der Hiltruper Missionare befinden sich Schriftstücke und Fotos, die Leo Brenninkmeijers Weg ins Kloster, seine Ordenslaufbahn und seine Missionstätigkeit dokumentieren. Sabine Heise hat für unsere Ausstellung  unter anderem zwei Briefe von August Brenninkmeijer herausgesucht, in denen dieser sich bei der Ordensleitung nach den Aufnahmebedingungen erkundigt. Anders als andere Jungen, so Heise, musste Leo Brenninkmeijer keine Förderung durch die Stiftung „ Das Kleine Liebeswerk“ in Anspruch nehmen. August Brenninkmeijer übernahm alle Kosten für die Schulausbildung und Internats-Unterbringung seines Sohnes.


Sabine Heise hat viele Personalakten eingesehen und dabei festgestellt, wie durch die Stiftung „Das kleine Liebeswerk“ zahlreiche Jungen aus finanzschwachen Verhältnissen ermöglicht wurde, Priester und Missionar zu werden. Voraussetzung: Sie mussten religiös sein, und es musste ihr eigener Wunsch sein, nicht der der Familie. Diejenigen Jungen, die eine Priesterausbildung absolvierten, zeichneten sich in der Regel durch einen großen Bildungshunger aus. In Hiltrup bekamen sie nicht nur eine klassische Gymnasialbildung, sondern lernten auch das Musizieren. Ein Missionsmuseum mit naturwissenschaftlichen und völkerkundlichen Exponaten aus der Südsee vermittelte ihnen einen ersten Eindruck von der fremden Welt, die sie erwartete.

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Andachtsbild des Herz-Jesu-Missionshauses für die deutsche Südsee in Hiltrup bei Münster in Westfalen, 1897 | © Christine Aka, Visbek

Missionarisches Sendungsbewusstsein und Forschung

Erfüllt von einem großen religiösen Sendungsbedürfnis und sicherlich auch mit einer gewissen Abenteuerlust ausgestattet, reisten Missionare wie Leo Brenninkmeijer in die Südsee. Hier fanden sie eine ihnen völlig neue, unbekannte und auch faszinierende Welt vor, die sich sprachlich, kulturell, aber auch hinsichtlich Flora und Fauna und geografischer Besonderheiten vollständig von ihrer bisherigen Lebenswelt unterschied. Sie erlebten die Schöpfung völlig neu und überwältigend. Sie fingen an zu sammeln, zu systematisieren, zu dokumentieren und zu forschen, sie entschlüsselten aber auch die landestypischen Idiome und hielten die kulturellen Besonderheiten fest. 
Die forschenden Missionare waren international mit anderen Wissenschaftlern vernetzt und sie publizierten in Fachzeitschriften. Ihre Arbeiten sind auch heute noch von Bedeutung und deshalb suchen auch Wissenschaftlerinnen aus dem In- und Ausland das Provinzarchiv in Hiltrup auf.

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15 Jahre beim Bergvolk der Baininger, Tagebuchblätter von Pater Leo Brenninkmeyer, 96 Seiten, Hiltrup 1928

Missionsverständnis früher und heute

In erster Linie war es aber Aufgabe der Missionare, in den einheimischen Bevölkerungsgruppen das Christentum zu verbreiten. Auch Leo Brenninkmeijer war 1912 in das damalige deutsche Kolonialgebiet Neupommern (heute: Neubritannien), eine zum Staat Papua Neuguinea gehörende Insel, ausgereist mit dem Ziel „Seelen zu retten“. Bis zu seinem Tod 1951 war Pater Leo in dieser Region als Missionar tätig und wurde bei seiner Arbeit auch durch Gelder von C&A unterstützt, die ihm unter anderem den Bau mehrerer Kirchen ermöglichten.
Missionare wie Pater Leo entwickelten dank ihrer Sprachkenntnisse einerseits einen guten Draht zur Bevölkerung, die Interesse an Neuem und der neuen Religion zeigte. Andererseits nahmen die Missionare wenig Rücksicht auf traditionelle Bräuche und kulturelle Eigenheiten, sondern forderten auch die Übernahme europäischer Sitten. So hat Pater Leo Brenninkmeijer Tänze verboten, denn Tänze galten im deutschen Kaiserreich (nicht nur) im katholischen Milieu als „unschicklich.“ Heute dagegen wird sogar in den Gottesdiensten in Papua Neuguinea getanzt.

Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil
(1962–65) hat sich das Missionsverständnis grundlegend gewandelt. Mission ist nicht mehr die Aufgabe weniger europäischer Missionare, sondern Aufgabe der gesamten Kirche, also aller getauften Menschen weltweit. Schon längst geht es nicht mehr um die Bekehrung „Ungläubiger“, sondern um interreligiösen Dialog. Katholische Hilfswerke wie Misereor, so wurde auf der Tagung deutlich, arbeiten  mit einem modernen, solidarischen Konzept von Caritas, die Wahrung von Menschenrechten und Religionsfreiheit sind dabei wesentlich.

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Leo Brenninkmeijer vor dem von seinem Vorgänger übernommenen Haus, das kurz darauf zu einer Schule ausgebaut wurde | © Archiv der Norddeutschen Provinz der Herz-Jesu-Missionare (Hiltruper Missionare), Münster Hiltrup

Exkurs: Zweites Vatikanisches Konzil

Das Zweite Vatikanische Konzil (1962–65) führte zur Akzeptanz nicht-christlicher Religionen und damit zu einem kompletten Umdenken auch in der Ausrichtung der Missionstätigkeit. In der Dignitatis humanae, der Erklärung über die Religionsfreiheit, erkennt Papst Paul IV die Gewissens- und Religionsfreiheit als Menschenrecht an: „Das Vatikanische Konzil erklärt, dass die menschliche Person das Recht auf religiöse Freiheit hat. Diese Freiheit besteht darin, dass alle Menschen frei sein müssen von jedem Zwang sowohl vonseiten Einzelner wie gesellschaftlicher Gruppen, wie jeglicher menschlichen Gewalt, sodass in religiösen Dingen niemand gezwungen wird, gegen sein Gewissen zu handeln, noch daran gehindert wird, privat und öffentlich, als einzelner oder in Verbindung mit anderen – innerhalb der gebührenden Grenzen – nach seinem Gewissen zu handeln.“ (Quelle


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it Dank an Christine Aka und Sabine Heise für die ausführlichen Hintergründe und nachträglichen Ergänzungen.

Prof. Dr. Christine Aka ist Kulturanthropologin und wurde 1991 an der Universität Münster promoviert, ihre Habilitation erfolgte 2006. Sie ist zurzeit lehrtätig im Fach Kulturanthropologie/Volkskunde an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seit 2015  arbeitet sie freiberuflich für die Draiflessen Collection.

Sabine Heise arbeitet seit 2015 als Historikerin und Archivarin im Archiv der Hiltruper Missionare, die uns für unsere Ausstellung Leihgaben zur Verfügung gestellt haben. Sie hat an der Universität Münster und an der Radboud Universiteit Nijmegen Katholische Theologie, Geschichte, Erziehungswissenschaften und Niederländische Philologie studiert.

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