03.09.2019

Was ist eigentlich der Liberna Studiensaal?

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Wer schon einmal an einer Führung durch den Liberna Studiensaal oder durch eine der Kabinettausstellungen teilgenommen hat, kennt den Weg durch die schweren Schutztüren und das Anziehen der kleidsamen „Überziehschühchen“. Dieses modische Accessoire (das auch gerne als Souvenir mitgenommen wird) ist eine Maßnahme, um die Liberna Collection und die anderen Sammlungsobjekte im Studiensaal effektiv vor möglichen äußeren Einflüssen während eines Besuchs zu schützen. 

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Überziehschuhe

Die Liberna Collection ist eine umfangreiche Sammlung von Manuskripten, Miniaturen, Inkunabeln, Büchern nach 1500, Druckgrafiken und Handzeichnungen. Der Bestand stammt vor allem aus dem 15. bis 17. Jahrhundert und umfasst fast 4.500 Objekte, darunter berühmte Inkunabeln wie Sebastian Brants „Narrenschiff“, die „Schedelsche Weltchronik“, die „Koberger-Bibel“ oder Albrecht Dürers „Apokalypse“. Zudem gibt es einen vollständigen „Bleau-Atlas“ und Grafiken von Rembrandt Harmenszoon van Rijn, Albrecht Dürer und anderen vorrangig deutschen und niederländischen Künstlern.
Besonders die ganz unterschiedlichen Bücher, die mit ihren teilweise exotischen Einbänden beeindrucken, bestimmen den Raumeindruck des Studiensaals. Es gibt zum Beispiel eine Lutherbibel aus dem 17. Jahrhundert, die in schwarz gefärbtes Haifischleder gebunden ist. Von riesengroßen, mit Ketten verschlossenen Buchdeckeln, bis zu winzig kleinen Reisebibeln und sogar einem „Känguru-Buch“, von goldbestickten Samteinbanden bis hin zu äußerlich zunächst unscheinbar wirkenden Büchern ist alles zu finden. Die Vielfalt und Kostbarkeit der Sammlung begeistert uns immer wieder aufs Neue! Dieser kleine Schatz, der im Archivtrakt des Hauses beheimatet ist, will aber auch entsprechend geschützt werden und das stellt uns immer wieder vor Herausforderungen.

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Hendrick van Osch, Mengelpoëzij en Proeve, Middelburg: Adriaan de Vin, 1781, Draiflessen Collection (Liberna), Mettingen W 334 | © Draiflessen Collection, Mettingen, Foto: Stephan Kube

Keine Luft zum Atmen

Es war bisher immer so üblich, dass sich unsere Besucher vor der Besichtigung der Ausstellungen im Liberna Studiensaal anmelden mussten. Das hatte den einfachen Grund, dass sie sich spontan gar nicht in dem Raum hätten aufhalten können: Aus konservatorischen Gründen und brandschutztechnischen Maßnahmen wird dem Saal Sauerstoff entzogen, um die teilweise hochempfindlichen Exponate zu schützen. Gleichzeitig wollen wir diese Sammlung auch so vielen Menschen wie möglich zugänglich machen, weshalb die regelmäßigen Kabinettausstellungen verschiedene Objekte vor allem aus dem eigenen Bestand präsentieren. Der Prozess der Sauerstoffreduktion und auch -anreicherung ist nur leider noch nicht so spontan umzusetzen, weshalb der Besuch des Raumes rechtzeitig vorher eingeplant werden muss, um sowohl das Wohl der Sammlungsobjekte im Liberna Studiensaal, als auch der Besucher zu gewährleisten. Aber weil es uns ein großes Anliegen ist, die außergewöhnliche Sammlung dauerhaft zugänglich zu machen, haben wir ein Konzept entwickelt, das eine dauerhafte Öffnung des Studiensaals und damit auch der Ausstellung ermöglicht! Es ist also keine Anmeldung nötig, nur eine Begrenzung der Besucherzahl muss es weiterhin geben: Mehr als 10 Personen auf einmal kann der Raum kaum fassen, ohne dass sich die Besucher gegenseitig auf die Füße steigen.

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Arbeiten an den Werken der Liberna Collection | © Draiflessen Collection (Liberna Colletion)
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Liberna Collection | © Draiflessen Collection, Mettingen, Foto / Photo: Henning Rogge

Der Liberna Studiensaal

Der Studiensaal der Draiflessen Collection wurde eigens für die Bewahrung der Liberna Collection geschaffen, die seit dem Frühjahr 2013 nun dort aufbewahrt und konservatorisch einwandfrei betreut wird. Bewusst wurde er aber auch so konzipiert eine stetige Erweiterung und Unterbringung anderer Sammlungen zu ermöglichen. Doch nicht nur die Sammlung, sondern auch der Raum, in dem sie sich befindet, ist etwas Besonderes.  Der Liberna Studiensaal folgt nämlich einem individuellem Konzept in unserem Haus: Er ist nicht nur Präsentationsraum für die Objekte der namensgebenden Liberna Collection, die als Dauerleihgabe hier untergebracht ist und weiteren Sammlungsobjekten, sondern gleichzeitig Ort des wissenschaftlichen Arbeitens. Seine Multifunktionalität spiegelt sich in der Architektur des Raumes wieder, der an ein Studiolo der Renaissance angelehnt ist. Neben den Türen befinden sich deshalb zwei leicht erhöhte Arbeitsplätze, von denen man den Raum aus überblicken kann und dennoch abgeschirmt sein Studium fortführen kann. Auch der große Tisch in der Mitte des Saals ist sowohl für die wissenschaftliche Arbeit unserer Mitarbeiter, als auch für gastierende Forschende gedacht. Das Studiolo war aber in seiner Ursprungsfunktion nicht nur Studienort, sondern beherbergte häufig Sammlungen, diente gleichzeitig als Schatzkammer oder Kontor, vor allem aber als Rückzugsort, für die Kontemplation und den privaten Kunstgenuss. Und auf Grund dieser Architektur und des Charakters des Studiensaals werden die Präsentationen Kabinettausstellungen genannt. Und spielen dabei auch auf die Tradition der Wunderkammern an, die eine Auswahl an Kunstwerken und naturwissenschaftlichen Objekten beinhalteten.

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