25.09.2019

„Zeichnen ist wie atmen“ (Jan van der Kooi)

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Manchmal sind es die eher zufälligen Begegnungen mit Kunst, die den Auslöser für eine Ausstellungsidee geben. In diesem Fall war es der Besuch im Museum Kloster Bentlage, bei dem Iris Ellers, unsere Kuratorin der Liberna Collection, erstmalig Zeichnungen des niederländischen Künstlers Jan van der Kooi gesehen hat – sehr bekannt in den Niederlanden, hat er hier 2017 das erste Mal in Deutschland ausgestellt.

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Jan van der Kooi, Zeeland, 2007, Privatsammlung Jan van der Kooi | © Jan van der Kooi, Draiflessen Collection, Mettingen, Foto: Stephan Kube

Insbesondere seine Landschaften, so erzählt sie, hätten sie sofort in den Bann gezogen: Zum einen sicherlich bedingt durch ihre grundsätzliche Affinität für dieses Genre, aber auch durch Jan van der Koois künstlerische Fähigkeit, den*die Betrachter*in unmittelbar „in seine Arbeit hineintauchen“ zu lassen. Sie war sofort fasziniert von seinem reduzierten Zeichenstil, bei dem er wesentliche und charakteristische Momente eines Motivs betont und dabei auf unnötige Details verzichtet. „Es ist alles da“, so erklärt Iris Ellers, was das Dargestellte erkennen lässt: eine bestimmte Landschaft, ein bestimmter Ort mit besonderer Natur oder auch architektonischen Merkmalen. Oder auch zum Beispiel ein Baum wie eine alte, knorrige Eiche, deren Blätter und Rinde auf so individuelle Weise strukturiert und deren Stamm auf so besondere Weise gekrümmt ist, dass sie über exakt diese Kennzeichen eindeutig zu identifizieren ist – genau dies macht sie von einem beliebigen Baum zu speziell dieser Eiche, alles andere wird dann unwesentlich. Entscheidend ist also für Jan van der Kooi, genau dieses Einzigartige und Individuelle, also die Seele oder das Wesen seines jeweiligen Motivs, zu erkennen und künstlerisch festzuhalten.

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Rembrandt van Rijn, Landschaft mit dem Kahn, 1650 | © Draiflessen Collection (Liberna), Mettingen , Foto: Stephan Kube

Das Konzept der Ausstellungen in der Draiflessen Collection ist immer auch der Dialog zwischen alter Kunst und neuer oder zeitgenössischer Kunst. Was lag also näher, als Jan van der Koois Zeichnungen – nicht zuletzt auch anlässlich des Rembrandtjahrs 2019 – mit Arbeiten von Rembrandt van Rijn aus der eigenen Sammlung der Liberna Collection zusammenzubringen beziehungsweise ganz konkret mit seinen Landschaftsarbeiten, die denen von Jan van der Kooi so ähnlich zu sein scheinen? Die Idee (und schnell auch der Titel) der Kabinettausstellung „Vom Wesen der Landschaft“ war geboren.

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Ausstellungsansicht „Vom Wesen der Landschaft", Skizzenbücher Jan van der Kooi

Eine Besonderheit im Werk Jan van der Koois sind seine Skizzenbücher, in die er, seit er 15 oder 16 Jahre ist, täglich zeichnet oder malt und die im Laufe seines Lebens auf ein Konvolut von gut 150 Exemplaren angewachsen sind. Zeichnen sei für ihn so normal wie atmen, so sagt er oft. Dr. Corinna Otto, Direktorin der Draiflessen Collection, war es daher wichtig, einen Großteil der in Leder gebundenen Bücher ebenfalls zu zeigen – losgelöst präsentiert vom Landschaftsthema und dem Zusammenhang mit Rembrandts Arbeiten. Diese enthalten auch eine Vielzahl anderer Motive wie Tiere, Akte oder zahlreiche Selbstporträts. Auf vielen Seiten  finden sich auch malerische Darstellungen, die zeigen, dass Jan van der Kooi nicht nur Zeichner, sondern auch Maler ist – in den Niederlanden ist er übrigens vor allem mit seinen Gemälden bekannt geworden.

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Jan van der Kooi, Skizzenbuch: Löwe, 2010 | © Jan van der Kooi, Draiflessen Collection, Mettingen, Foto: Stephan Kube

In gewisser Weise stellen die Skizzenbücher so etwas wie eine künstlerische Chronik van der Koois dar, stehen hier doch alle Zeichnungen, egal ob „gut“ oder „schlecht“ gleichwertig nebeneinander, ist niemals auch nur eine Seite herausgelöst worden. So dokumentieren die Bücher künstlerische Entwicklungen, Veränderungen, seine ständige Suche nach dem Wesentlichen und immer auch das Streben danach, „besser zu sein als Jan van der Kooi“. Damit habe er uns auch einen „Teil seiner Seele“ gegeben, betont Iris Ellers. Die Skizzenbücher sind übrigens bislang noch nie in ihrer Gesamtheit ausgestellt worden. 

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Jan van der Kooi, Ich, Sommer 2005, 2005 | © Jan van der Kooi, Draiflessen Collection, Mettingen, Foto: Stephan Kube

Die Zusammenarbeit mit Jan van der Kooi, so schildert auch Pia Kuik, Volontärin der Draiflessen Collection, die an diesem Ausstellungsprojekt intensiv mitgearbeitet hat, sei sehr offen und frei gewesen. Natürlich habe er eine Vorauswahl an Zeichnungen getroffen, grundsätzlich aber war ihm wichtig: „Ihr macht die Ausstellung“ und hat beiden Kuratorinnen damit die Freiheit gegeben, „alles“ zu machen, also die Ausstellung nach ihren fachlichen Gesichtspunkten zusammenzustellen und zu hängen. Durchaus auch mal so, wie er es vielleicht nicht machen würde. 

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Jan van der Kooi, Eernewoude:Hochkant, 2017 | © Jan van der Kooi, Draiflessen Collection, Mettingen, Foto: Stephan Kube

Das zeigt sich am besten am Beispiel einer seiner Zeichnungen, „Eernewoude: Hochkant“, von 2017. Die Breite von 26 cm und die Höhe von 39 cm macht es zu einem Hochformat – eher ungewöhnlich für eine Landschaftsdarstellung. Wie alle ausgestellten Arbeiten auf Papier ist auch dieses Blatt passepartouriert, das heißt, es wird ein Rahmen aus Karton um oder auf die Darstellung gelegt, bevor sie in den eigentlichen Rahmen gefasst wird. In unserer Ausstellung ist der Ausschnitt so gewählt, dass das gesamte Blatt samt unregelmäßig abgerissenem Rand zu sehen ist. Die*der Betrachter*in kann also das Blatt als solches in seiner Gesamtheit erfassen. Jan van der Kooi selbst hatte das Passepartout so angelegt, dass lediglich ein Ausschnitt der gesamten Zeichnung zu sehen war, keine Blattränder, und ein größerer Teil des unteren Teils der Zeichnung war vom Karton verdeckt, gewissermaßen beschnitten.

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Rembrandt van Rijn, Ansicht von Amsterdam, ca. 1641 | © Draiflessen Collection (Liberna), Mettingen , Foto: Stephan Kube

Das Kennzeichen der Landschaftskunst des 17. Jahrhunderts, also auch der Werke Rembrandts, war es, die Horizontlinie in das untere Drittel des Bildformats zu rücken. Das führte zu einem großen Raumanteil und mitunter zu einer geradezu revolutionären „Leere“ des Himmels – der natürlich auch je nach darzustellender Wetterlage mit Wolkenformationen ausgefüllt sein konnte. Das findet sich bei Jan van der Kooi eher selten. So ist beim Sichten der Exponate die Idee für eine besondere Art der Hängung entstanden: Sämtliche Landschaftsexponate sind auf dieselbe Linie gehängt, die sich durch die jeweiligen Horizonte ergibt. Je nach Dimension „hüpfen“ somit die ganz unterschiedlichen Formate nach oben oder unten. Gleichzeitig betont diese Art der Hängung aber auch eines der wichtigsten Kennzeichen (das Wesentliche?) des Landschaftsgenres: die Trennlinie zwischen Erde und Himmel, den Horizont.

Iris Ellers
 hat an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster Neuere und Neueste Geschichte, Historische Hilfswissenschaften und Soziologie studiert. Sie arbeitet seit 2008 für die Draiflessen Collection und ist Kuratorin der Liberna Collection.

Pia Kuik arbeitet seit Anfang 2019 für die Draiflessen Collection. Sie hat mit einem Praktikum in der Liberna Collection gestartet und ist nun Volontärin in der Abteilung Museumspädagogik. Sie hat Arts & Culture Management in Maastricht und Rom studiert und 2018 mit dem Master abgeschlossen.

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