01.02.2021

„Es hat von Anfang an gestimmt” Ausstellungsarchitektur NOLDE/KRITIK/KUBALL

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Es ist natürlich schwer etwas zu erklären, was man bisher nicht gesehen hat. Sie müssen uns leider diesmal blind” vertrauen, wenn wir Ihnen sagen, dass die Atmosphäre in der Ausstellung EMIL NOLDE – A CRITICAL APPORACH BY MISCHA KUBALL etwas ganz Besonderes ist. Dazu tragen natürlich vor allem die Videoinstallation bei, die im gedämpften Licht ihre ganze Wirkung entfalten, und die Sound-Untermalungen, die den Raum akustisch einnehmen. Vor allem aber liegt es an der Ausstellungsarchitektur, die in diesem Falle zugleich beeindruckend wie zurückhaltend erscheint. Und darum haben wir uns für diesen Blogbeitrag mit der Ausstellungsarchitektin Astrid Michaelis zusammengesetzt – virtuell versteht sich – um die Hintergründe für den von ihr konzipierten Ausstellungsraum aufzudecken. 

Ausstellungsansicht EMIL NOLDE - A CRITICAL APPROACH BY MISCHA KUBALL | © Draiflessen Collection, Foto: Henning Rogge

Wie war die Zusammenarbeit mit dem Künstler Mischa Kuball?

Die Zusammenarbeit hat von Anfang an gestimmt. Deshalb waren bereits die allerersten Gespräche miteinander inspirierend und festigten sehr früh im Prozess der Ausstellungsplanung gemeinsame Grundideen. Mischa Kuball wählte für seine Arbeiten zum Beispiel die Stiftung in Seebüll als Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit Emil Nolde. Da war mir klar, dass ich auch nach Seebüll muss, um diesen Ort kennenzulernen. 

Wie ist die Idee zur Architektur entstanden?


Durch den Besuch in Seebüll und einem spannenden, offenen Gespräch mit der Stellvertretenden Direktorin Dr. Astrid Becker verfestigte sich die Idee, das ehemalige Wohnhaus Noldes, in dem sich jetzt die Stiftung befindet, als Vorlage beziehungsweise Ausgangspunkt der Erarbeitung meiner Ausstellungsarchitektur zu nutzen. Nolde teilte sein Haus auf der Warft in einen Wohnbereich und in ein Atelier, dazwischen befindet sich ein als Garage genutzter Bereich. Es vereinen sich also ein privater (Lebenswelt) und ein teilweise öffentlich genutzter  Raum (Arbeitswelt) und einer Schnittstelle (Mobilität) in einem Haus. Ich habe die Grundrisse und Ansichten des Hauses genommen und dann begonnen, diese immer weiter aufzulösen. Mein Ziel war es, dem Ausstellungskonzept von Mischa Kuball zu folgen: Es geht ihm ja um eine neue Betrachtungsweise Emil Noldes, um Offenheit und Transparenz ohne die überkommenen Mythen und Legenden, und darum, auch sein Werk neu zu betrachten. Übertragen auf die Ausstellungsarchitektur bedeutete das eine Verfremdung der damals ehemaligen Lebens- und Arbeitswelten Emil Noldes, indem die genannten Baukörper, Formen und Farben seines Hauses bis zu einem gewissen Grad abstrahiert, fast aufgelöst werden. Die Räume waren zu seinen Lebzeiten in einem starken Gelb-,  zwei Blautönen und einem orange-roten Ton aus den Mischfarben Rot, Gelb und Blau – Bauhaus-Farben – gestrichen. Wir zitieren die Farben in der Ausstellung als geometrische Grundformen in verfremdeter Nuance auf dem Boden, gemischt mit Grau, um hier der von Mischa Kuball gewählten Schwarz-Weiß-Ästhetik Rechnung zu tragen. Die farbigen geometrischen Formen schafften nun die Ausstellungsbereiche der documenta Räume I-II, eines Forums als Sitzmodul und eines gesonderten Treppenraumes, in dem die „Ungemalten Bilder“ der documenta III gezeigt werden.


Die umlaufenden Linien (zu sehen in der Ausstellungsskizze) den Übergang in die „Außenwelt“ als Grenze der Warft repräsentieren, also als Grenze von Noldes Schaffensraum. Hier befindet sich in der Hängung der Werke die Schnittstelle zu den Werken Kuballs im Innenbereich und den Tafeln des Mnemnosyne-Bildatlas von Aby Warburg im Außenbereich.

Wir entschieden uns, die Strukturen immer weiter zu reduzieren und die offene und freie Betrachtung sowie den Diskurs auch anhand der Szenografie zu unterstützen. Daher fiel die gemeinsame Entscheidung,  die Wände des Wandsystems nicht zu verkleiden. Nurmehr als Wandgerüste übersetzen sie das Thema der Auflösung, der Neuentdeckung und der Transparenz. 


Konzeptentwicklung anhand des Wohnhauses von Emil Nolde in Seebüll | © Michaelis Szenografie

Ausstellungsskizze: Auflösung der Formen des Hauses von Nolde | © Michaelis Szenografie

Wie lief der Aufbau ab? War es anders aufgrund von Corona?


Das Grundkonzept und die gemeinsame Weiterentwicklung mit Mischa Kuball und den beiden Kuratorinnen Nicole Roth und Barbara Segelken hatte bereits vor dem ersten Corona-Lockdown stattgefunden. Nur die Umsetzung war dann natürlich erheblich von den Maßnahmen beeinflusst. Viele Besprechungen erfolgten online und telefonisch. Es gab klare Regelungen, wer wann und wie auf der Baustelle war, damit die erforderlichen Abstände gewährleistet werden konnten. Auch mit der örtlichen Bauleitung haben wir in der Regel über Videocall für die kleineren und größeren Überraschungen gesprochen. Man kann gut 150-prozentig vorher planen, aber ein paar Überraschungen gibt es immer. Durch die lange Zusammenarbeit mit dem Draiflessen-Team und da ich die baulichen Gegebenheiten und Arbeitsabläufe der Draiflessen Collection gut kenne – ich weiß einfach ganz genau, wie der Raum aussieht – ist die Kommunikation einfach. So konnte ich sehr schnell auf Fragen oder bei Problemen reagieren. Die Arbeit hat sich also mehr von der Baustelle in mein eigenes Atelier verlagert, wodurch es natürlich auch weniger Dienstfahrten gab – also war das wiederum eine nachhaltigere Arbeitsweise. 
Bedauerlich an der Situation war natürlich, dass nicht nur diese, sondern so viele andere Ausstellungen entweder vor oder kurz nach Eröffnung geschlossen werden mussten und so wenige Menschen sie sehen konnten. Dennoch: Die Sicherheit geht natürlich vor,  und wir haben gelernt, dazu eine positive innere Haltung zu entwickeln.  


Gab es abgesehen von Corona noch Herausforderungen?

Der Aufbau über der kompletten großen Treppe zum Ausstellungsraum war eine erhebliche Herausforderung. Zwei Firmen haben gleich abgelehnt, weil sie sagten, dass es nicht klappen wird. Wie kann eine ca. 100 qm große Fläche auf 9,80 m Höhe in einer Treppenanlage ausgeführt werden, besonders wenn darin noch Originale aufgehängt werden sollen? Das erforderte dann schon mehr Überlegungen und Planung, aber das Konzept und die Wirkung belohnen den Aufwand. 

Letztendlich, und das ist bei jeder meiner szenografisch umgesetzten Ausstellungen so: Wenn etwas konzeptionell stimmig und mit den jeweiligen Partner*innen und Kurator*innen des Museums erarbeitet ist, bin ich ganz ruhig und kann dem Aufbau recht entspannt entgegensehen. Das war auch bei dieser Ausstellung so und das freut mich sehr. 

Aufbau des Raums über der Treppe | © Draiflessen Collection

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