30.05.2021

Nicht nur Mode, sondern auch ein Abstecher ins Filmgeschäft

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Das Meer ruft | © Deutsche Eidophon-Film-Gesellschaft mbH, Berlin 1933

Betriebsprüfungsberichte gehören nicht zu der Art von Literatur, die ich meinen Freund*innen als unterhaltsame Abendlektüre empfehlen würde. Für Historiker*innen, insbesondere solche, die sich mit Unternehmensgeschichte befassen, können sie jedoch neue und spannende Erkenntnisse bereithalten. Deshalb freuen sich die Angehörigen meiner Zunft, wenn sich solche in den Archiven über ihren jeweiligen Untersuchungsgegenstand erhalten haben. So erging es auch mir, als ich – es muss Juli 2010 gewesen sein – im Archiv des Bundesamtes für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen in Berlin auf der Suche nach Unterlagen zu C&A war. Damals bereitete die Draiflessen Collection eine Ausstellung zum hundertjährigen Jubiläum des Textilfilialisten in Deutschland vor, die ein Jahr später, im Sommer 2011, unter dem Titel „C&A zieht an!“ eröffnet werden sollte. Meine Aufgabe war es, möglichst viele Informationen aus öffentlichen Archiven zusammenzutragen. Die Unterlagen im BADV erwiesen sich als wichtige Quelle, um die schon in den 1920er- und 1930er-Jahren komplexe internationale Struktur des Unternehmens mit seinen Handelsgesellschaften, Kleiderfabriken, Beteiligungs- und Grundstücksgesellschaften in Europa herausarbeiten zu können.

Hat C&A nicht nur in Mode, sondern auch in Filmen gemacht?

Doch überraschenderweise kam noch etwas anderes zutage: In einer als Anlage zu einem Betriebsprüfungsbericht angehängten Aktennotiz fand ich den Hinweis, dass C&A in den 1930er-Jahren offenbar an einer Filmgesellschaft namens Eidophon beteiligt war. Aus dieser vierseitigen Aktennotiz ging hervor, dass ein Miteigentümer von C&A an der Entwicklung eines Verfahrens zur Herstellung von Tonfilmen beteiligt und eine eigene Filmgesellschaft gegründet haben sollte, die zwei Spielfilme in die Kinos gebracht hätte. Hinter dieser Aktennotiz schien sich eine interessante Geschichte zu verbergen. Hatte C&A nicht nur in Mode, sondern auch in Filmen gemacht? Meine Neugier war geweckt. Dieser Geschichte wollte ich nachgehen. Seit November ist diese nun in unserem Ausstellungsraum DAS Forum dokumentiert und zu sehen. Anhand von Filmplakaten und Drehbüchern, Fotografien und technischen Zeichnungen, Tondokumenten und nicht zuletzt Ausschnitten aus den beiden Filmen, wird erzählt, wie der Textilunternehmer Bernhard Joseph Brenninkmeijer und der Physiker und Priester Heinrich Könemann zunächst die Entwicklung eines Verfahrens zur Herstellung von Tonfilmen vorantrieben und schließlich eine eigene Filmgesellschaft gründeten.

Porträtaufnahme von Bernhard Joseph Brenninkmeijer, um 1925 | © Draiflessen Collection

Ungewöhnliche Allianz zwischen Textilunternehmer und Priester

Mitte der 1920er- Jahre war der Tonfilm die große Herausforderung für die Filmindustrie. Bis dahin war der Film weitestgehend stumm; die Handlung wurde mit Musik untermalt und durch Texttafeln ergänzt. Namhafte Firmen in den USA und Europa wie General Electric oder Siemens arbeiteten daran, den Film zum Sprechen zu bringen. Sie experimentierten mit unterschiedlichen Verfahrensweisen, wie Ton und Bild synchron aufgenommen und wiedergegeben werden könnten. Auch Könemann arbeitete mit der finanziellen Unterstützung Brenninkmeijers an der Verbesserung bestehender, für den massenhaften Einsatz in den Kinos jedoch noch ungeeigneter Verfahren. Obwohl sie in diesem Umfeld krasse Außenseiter waren, meldete Könemann binnen weniger Jahre mehrere Patente an, mit denen die Aufnahmetechnik von Tonfilmen verbessert werden konnte. Eines seiner Patente nahm sogar den Raumklang vorweg. Kühn gesprochen, könnte man Könemann sogar als einen Vordenker des Dolby Surround-Klangs bezeichnen. Wie und warum es zu dieser ungewöhnlichen Allianz zwischen einem Textilunternehmen und einem Priester, der allerdings auch einen Doktortitel in Physik getragen hatte, gekommen ist, konnte leider nicht ermittelt werden.

Heinrich Könemann | © Draiflessen Collection

Die eigene Produktionsfirma Eidophon

Allerdings wäre Bernhard Joseph Brenninkmeijer kein Kaufmann gewesen, wenn er die mit seinem Kapital entwickelten Patente Könemanns nicht hätte ummünzen wollen. Ein Verkauf der Erfindungen an die Tobis, eine der damals bedeutendsten Filmgesellschaften in Deutschland und Inhaberin zahlreicher Filmpatente, kam nicht zustande. Stattdessen gründeten Brenninkmeijer und Könemann, ausgestattet mit Risikokapital, ihre eigene Produktionsfirma – die Internationale Eidophon mit Sitz in Amsterdam samt einer Berliner Tochtergesellschaft, die Deutsche Eidophon-Film GmbH. Weitere Gesellschaften an anderen europäischen Ländern waren geplant. Hier sollten, so der Plan, die Patente Könemanns zum Einsatz kommen. Bernhard Joseph Brenninkmeijer und seine Investoren erwarteten natürlich eine Rendite. Gleich fünf Spielfilme sollten in den ersten Jahren produziert werden und die Kinokasse zum Klingeln bringen – jedoch nicht um jeden Preis.

Titelseite der ersten und einzigen Ausgabe der Eidophon-Zeitung vom Oktober 1932 | © Deutsche Nationalbibliothek, Leipzig

Gegengewicht zu den „Schund- und Schmutzfilmen“

Die von dem katholischen Unternehmer Brenninkmeijer und dem Priester Könemann ins Leben gerufene Filmgesellschaft sollte ein Gegengewicht zu den „Schund- und Schmutzfilmen“ bieten, die – jedenfalls nach ihrer und auch nach Ansicht vieler Kleriker – in viel zu großer Zahl in den Kinosälen gezeigt wurden.  Die von der Eidophon produzierten Filme sollten den Moralvorstellungen der katholischen Kirche inhaltlich genügen und die Massen in die Kinos locken. Die hoffte man mit dem Abenteuerstreifen „Das Lied der schwarzen Berge“, das mit großartigen Landschaftsaufnahmen und einer wilden Kajakfahrt auf den Stromschnellen der Tara beeindruckte, und dem Drama „Das Meer ruft!“, in dem der Publikumsmagnet Heinrich George die Hauptrolle spielte, zu erreichen. Anfang 1933 kamen beide Filme in die Lichtspielhäuser.

Filmplakat: Das Lied der schwarzen Berge, 1933 | © Draiflessen Collection

Trotz Misserfolg der „richtige Riecher“

Doch der finanzielle Erfolg an der Kinokasse blieb aus. „Die Gründung der Gesellschaft war ein Mißerfolg“, resümierte der unbekannte Verfasser der Aktennotiz. Und weiter: „Die hergestellten Spielfilme […] waren glatte Versager.“ Die Unerfahrenheit im Filmgeschäft und Streitigkeiten im Management führten schließlich dazu, dass die Gesellschaft 1934 liquidiert werden musste. C&A sprang ein und zahlte die Investoren aus. Bernhard Joseph Brenninkmeijer zog sich aus dem Filmgeschäft zurück. Er starb 1945 nur wenige Wochen vor Kriegsende in Rom. Heinrich Könemann ging nach Hause ins Münsterland, wo er später bis zu seinem Tod 1966 eine Pfarrstelle innehatte. Gesprochen haben beide über ihren Ausflug in das Filmgeschäft kaum.
Trotz des Scheiterns ihres Vorhabens scheint eine Würdigung angebracht. Der Unternehmer Bernhard Joseph Brenninkmeijer hatte durchaus den „richtigen Riecher“, als er in den 1920er-Jahren über den Tellerrand seiner eigenen Branche hinausblickte und in den Tonfilm investierte. Und Heinrich Könemann enttäusche ihn nicht, der seine Entwicklungen bis zur Patentreife brachte. Dass ihrer Filmgesellschaft letztlich der Erfolg versagt blieb – das konnten sie vorher nicht wissen. Und das ist es ja, was Unternehmer am Ende ausmacht: die Bereitschaft zum Risiko, welche die Möglichkeit des Scheiterns immer mit einschließt.

Dreharbeiten zum Spielfilm Das Meer ruft!, Eidophon-Zeitung, 1 (1932) | © Deutsche Nationalbibliothek, Leipzig

Kai Bosecker, der Autor dieses Beitrags, ist seit 2009 als Historiker für die Draiflessen Collection tätig. Er war Mitkurator der Sonderausstellung Phänomen Familienunternehmen" (2016/2017) und Kurator für die Präsentation Soziales Engagement aus Tradition und Verpflichtung", DAS Forum (2019/2020)

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