09.09.2021

Gesundheit damals und heute

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Bereits vor über 500 Jahren haben sich die Menschen mit ihrer Gesundheit beschäftigt. Viel Zeit ist seitdem vergangen, in der sich die Medizin von der Naturheilkunde der Frühen Neuzeit hin zur heutigen Schulmedizin entwickelt hat. Aber inwiefern hat sich das Verständnis von Körper, Gesundheit und Krankheit verändert? Wir haben uns mit einer Schulmedizinerin und einer Heilpraktikerin getroffen und nachgefragt.

Mitte des 19. Jahrhunderts etablierte sich die Zellularpathologie, also ein auf der Zellenlehre beruhendes Krankheitskonzept, und löste so die seit der Antike gültige Humorallehre ab. In der sogenannten Humoralpathologie wurde über das Mischungsverhältnis der vier Säfte der Gesundheits- oder Krankheitszustand bestimmt, zu dessen Heilmethode beispielsweise auch der Aderlass zählte. Die Humoralpathologie sieht im Gleichgewicht (Eukrasie) der vier Säfte (Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle) den idealen Gesundheitszustand. Diese standen im Verhältnis zu den Primärqualitäten (warm, feucht, trocken und kalt) und den vier Elementen (Luft, Feuer, Erde und Wasser). Bei Ungleichgewicht (Dyskrasie) sprach man von Krankheit. Hierbei war eine gewisse Vorherrschaft eines Saftes nicht per se schlecht, sondern bestimmte das eigene Temperament und beeinflusste den eigenen Körper.
Im beginnenden 20. Jahrhundert gewann schließlich die naturwissenschaftlich geprägte Richtung der Medizin immer mehr an Einfluss, aus der die heute gängigen schulmedizinischen Behandlungen hervorgingen.

(Pseudo-)Apuleius Barbarus, oder Platonicus, Herbarium Apulei Platonici ad Marcum Agrippam, [Rom]: Johannes Philippus de Lignamine, [1483] (Foto: Stephan Kube, Greven) | © Draiflessen Collection (Liberna), Mettingen Inc 88

Grenzen und Möglichkeiten

In einigen Punkten sind sich beide Interviewpartner einig: Der Gesundheitsbegriff steht untrennbar zum Krankheitsbegriff, es kann das eine nicht ohne das andere geben. Wer gesund ist, ist nicht krank und wer krank ist, ist nicht gesund, sowohl auf den Geist als auch auf den Körper bezogen. Krankheit und Gesundheit stehen in einem wechselseitigen Verhältnis zueinander und sind allgegenwärtig. Auf die Frage nach den Grenzen beider Heilrichtungen stellt sich der Tod ganz klar als unumgängliche Grenze heraus. „Natürlich gibt es auch zahlreiche Erkrankungen, die eine schulmedizinische Obhut erfordern, wie beispielsweise Operationen oder schwerwiegende Erkrankungen. Die Naturheilkunde kann begleitend mitbehandeln, sofern Arzt und Patient einverstanden sind“, so die naturheilkundliche Sicht. Nicht außer Acht lassen sollte man aber auch die Tatsache, dass jede Krankheit immer auch einen Bewusstseinsprozess auslösen kann, um die (bisherige) Lebenshaltung etwas zu hinterfragen und diese gegebenenfalls zu verändern. In der Realität sieht es allerdings so aus, dass eine medizinische Kooperation zwischen Arzt und Heilpraktiker gesetzlich untersagt ist, „obwohl die Praxis einer Komplementärmedizin optimal wäre, die sowohl die Kraft aus der Natur als auch die der Naturwissenschaft miteinander zum Heil des Patienten verbindet und anwendet“, so die Einschätzung der Naturheilpraktikerin. Obwohl die Naturheilkunde aus Sicht der Schulmedizin schneller an ihre Grenzen stößt, kann sie ergänzend eingesetzt werden. Zu nennen hier ist, unter vielem anderem, beispielsweise die Aromatherapie, die sowohl während einer Behandlung im Krankenhaus als auch bei psychologischen Behandlungen angewendet werden kann und für den Patienten hilfreich ist“, fügt die Schulmedizinerin hinzu.

Ausstellungsansicht STAY HEALTHY | © Draiflessen Collection, Foto: Henning Rogge

Der Unterschied macht’s?

Schaut man sich nun im Vergleich die gesundheitliche Prävention von vor 500 Jahren an, fällt auf, dass bereits in der Frühen Neuzeit immer auch eine Balance angestrebt wurde: Wer arbeitet, braucht auch Ruhe. Gutes, gesundes Essen steht im Gegensatz zu „schädlichem“, ungesundem Essen. Auch heute wird zwischen einem gesunden und ungesunden Lebensstil unterschieden. Sport und Bewegung als Ausgleich des Sitzens im Büro zum Beispiel. Gemüse, Obst und Vollkornbrot, anstatt Schokolade und viel Fleisch.
Auch das Baden ist in der Frühen Neuzeit sehr wichtig: Es diente der Prävention, um schädliche Stoffe aus dem Körper abzusondern. Ebenso in unserer Zeit haben vermutlich die meisten Menschen schon einmal ein Erkältungsbad genommen, um einem grippalen Infekt vorzubeugen oder ihn zu lindern. Das gesundheitliche Verständnis und die Möglichkeiten der Prävention und Behandlung haben sich selbstverständlich in 500 Jahren weiterentwickelt. Trotz dieses Fortschritts kämpft die heutige Medizin immer noch gegen verschiedenen Krankheiten, schaut man sich beispielsweise verschiedene Virenstämme wie etwa Ebola oder auch Coronaviren an. Ein wegweisender Durchbruch und Schritt von der Naturheilkunde hin zur Schulmedizin war die Entdeckung von Penicillin – konnten so erstmals bakterielle Infektionskrankheiten behandelt und geheilt werden, stellten also kein Todesurteil mehr dar.

Jost Amman, Aderlassmännchen, aus: (Pseudo-) Albertus Magnus, Daraus man alle heimligkeit deß Weiblichen geschlechts erkennen kan, Frankfurt am Main: Johann Schmidt(für Sigmund Feyerabend), 1581 (Foto: Stephan Kube, Greven) | © Draiflessen Collection (Liberna), Mettingen A 37

Das Wohl des Patienten

Die wohl wichtigste Gemeinsamkeit der Schulmedizin und der Heilpraktikerbehandlung liegt im Wohl des Patienten. Beide Interviewpartner haben sich auch aus diesem Grund für einen heilenden Beruf entschieden. „Weil ich eine persönliche Erfüllung empfinde, wenn ich Menschen auf ihrem Weg zu ihrer Gesundheit helfen und unterstützen kann“, weiß die Schulmedizinerin zu berichten. Die Heilpraktikerin ergänzt, sie könne „ganz klar sagen, dass es bisher ein guter und erfüllter Weg war, Patienten homöopathisch zu behandeln und zu begleiten“. Auch in der frühneuzeitlichen Gesundheitsprävention stand die Genesung des Patienten im Vordergrund, zwar mit eingeschränkteren Mitteln und Möglichkeiten als heute. Aber nicht zuletzt weiß man auch heute noch um die heilende Wirkung bestimmter Pflanzen und Kräuter. Das Verständnis von Heilkunde damals und heute hat sich folglich nicht so stark gewandelt: Unterschiedliche Heilmethoden sollen eine Balance zwischen einem gesunden und einem ungesunden Leben schaffen, immer mit dem Fokus auf der bestmöglichen Behandlung der Patient*innen. Lediglich die Methoden und neue Erkenntnisse des menschlichen Körpers haben sich verändert und weiterentwickelt. Denn früher wie heute gilt: Gesundheit ist das höchste Gut!


 

Exhibition View STAY HEALTHY | © Draiflessen Collection, Foto/photo: Henning Rogge

Julian Heitkamp ist Volontär für Kommunikation und arbeitet seit Frühjahr 2021 in der Draiflessen Collection

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