23.05.2018

Ein Museum für alle?!

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Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Draiflessen Collection dem Thema Inklusion widmet. Schon im Jahr 2014 machte sie mit der Ausstellung „Kunst trotz(t) Demenz“ auf das gesellschaftlich brisante Thema Inklusion aufmerksam. Am 15. Mai 2018 war Draiflessen Veranstalterin einer Tagung unter dem Titel „Ein Museum für alle? Ein Museum für alle!“, zu dem sie ausgewiesene Experten und auch Fachleute aus Museen der Region eingeladen hatte. Die gelungene Veranstaltung hatte sich als Ziel gesetzt, Inklusion aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln an vielen Beispielen insbesondere aus der musealen Praxis anschaulich vorzustellen. Zum Auftakt der Veranstaltung begrüßte Dr. Corinna Otto, Direktorin der Draiflessen Collection, die Gäste und Referenten: Dr. Willibert Strunz (langjähriger Geschäftsführer der LAG Selbsthilfe NRW), Hendrik Dangschat (Beauftragter für Unterstützte Kommunikation, Heilpädagogische Hilfe Osnabrück), Marcus Weisen (international beratend tätig) und Birgit Tellmann (Kunsthalle Bonn, Leiterin des Pilotprojekts Inklusion). Wolfgang Türk vom Theater Münster moderierte die abschließende Diskussionsrunde, in die sich alle Teilnehmer mit ihren Meinungen einbringen konnten.

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Museumm für Alle | © Draiflessen Collection

Inklusion – „nur“ ein Trend?

Inklusion – was bedeutet das eigentlich und was bedeutet es vor allem für die Draiflessen Collection? Ein Trend, ein Modewort …? Viele von uns haben diesen Begriff vor allem im schulischen Kontext schon gehört, im musealen Bereich wird der nicht selten in Verbindung mit den vielleicht für manche fremd klingenden Begriffen Barrierefreiheit, Vielfalt und Diversität genannt. Tatsächlich bedeutet Inklusion schlichtweg, dass jeder Mensch, unabhängig davon, wie alt er ist, welche Sprache er spricht und ob er eine Behinderung hat oder nicht, ganz natürlich dazugehört und daher überall mit dabei sein kann. Mit den Worten von Corinna Otto ist Inklusion demnach „die Etablierung eines selbstverständlichen Miteinanders“. Doch welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, damit dies möglich ist? Die Draiflessen Collection, so Corinna Otto in ihrer Begrüßung, biete bereits eine „solide Ausgangsbasis“ für die Realisation von Inklusion und dies sowohl in baulicher als auch in inhaltlicher Hinsicht. „Dennoch“, so fügte sie hinzu, „werden mit Inklusion nicht nur neue Ideen und Herausforderungen, sondern auch Befürchtungen verbunden.“ Seit 2017 nimmt eine eigens von der Draiflessen Collection ins Leben gerufene Arbeitsgruppe für Inklusion das gesamte Team mit, sensibilisiert es für dieses Thema. Immerhin steht hinter Inklusion nicht nur eine beliebige Idee, sondern ein gesellschaftlicher Auftrag. Die gesetzliche Verankerung von Inklusion als festgeschriebenes Menschenrecht in der UN-Behindertenrechtskonvention von 2006 macht dies noch einmal mehr deutlich und zeigt die Relevanz des Themas im gesellschaftlichen Diskurs.

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Museum für alle?!: Marcus Weisen, Hendrik Dangschat, Dr. Willibert Strunz, Birgit Tellmann, Wolfgang Türk (v. l.) | © Draiflessen Collection

Raum an Möglichkeiten

So vielfältig das Thema Inklusion ist, so komplex waren dann auch die Inhalte der Redner. Willibert Strunz machte den Anfang und sprach aus seiner Erfahrung als langjähriger Geschäftsführer der LAG Selbsthilfe NRW, eine Arbeit, die im Wesentlichen durch eine enge Zusammenarbeit mit historisch gewachsenen Vereinen und Verbänden gekennzeichnet ist. Für ihn sei es längst nicht damit getan, barrierefreie Räume zu schaffen: Inklusion sei weit gefasst, wobei die Betonung auf dem Verbindenden, dem Gemeinsamen und nicht auf dem, was uns unterscheidet, liegen solle. „Genau das ist die Quelle der Motivation, die uns vorantreibt, umzudenken und zu gestalten.“
Hendrik Dangschat nahm mit seinem Beitrag die Gruppe der Gehörlosen in den Fokus. Ihm ging es dabei vor allem um das Ausloten der Möglichkeiten von Kommunikation und um die Veranschaulichung, aber auch Überwindung von Barrieren, mit denen Gehörlose beim Kommunizieren konfrontiert werden. Als Herausgeber und Übersetzer zweier Broschüren für Gehörlose spricht er aus Erfahrung. Neben den modernen Hilfsmitteln wie Video-Guides oder QR-Codes sind es dann aber auch wieder die kleinen und einfachen Dinge, wie Bleistift und Papier, auf die man für das Kommunizieren gerne wieder zurückgreift.
Auch Marcus Weisen kann auf einen breit angelegten Erfahrungsschatz zurückgreifen. Er war schon weltweit an den unterschiedlichsten Projekten beteiligt und sieht „Barrierefreiheit in einem gesamtkreativen Bereich der Gesellschaft“ verankert. Die eine Lösung für gelungene Inklusion gibt es nicht für ihn, er wolle sie auch nicht vorgeben, sondern eher einen „Raum an Möglichkeiten“ aufzeigen, wie Inklusion gestaltet werden kann.
Birgit Tellmann verfügt als Leiterin des Pilotprojekts Inklusion (2015–2017), das sie in Kooperation mit renommierten Museen wie etwa dem Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg und mit der Klassik Stiftung Weimar mehrere Jahre leitete, über einen wahren Fundus an Beispielen aus der Praxis. Grundsätzlich, so rät Tellmann, sollten Programme zum Thema Inklusion nicht mehr „additiv“, sondern von Anfang an bei der Konzepterstellung mitberücksichtigt werden. Die in der Kunsthalle Bonn konzipierte Ausstellung „Wetterbericht“ (2017) , in der es nicht nur interaktive Stationen, sondern auch eigene künstlerische Beiträge Betroffener gab, ist das beste Beispiel hierfür. 

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Museum für alle?! Vortrag Birgit Tellmann | © Draiflessen Collection

Kein Patentrezept

Die Tagung zeigte deutlich, dass es kein Patentrezept für Inklusion gibt, die Wege dorthin – und darüber wird auch innerhalb des Teams kontrovers diskutiert werden – sind ausschlaggebend. Nicht zuletzt, wie Marcus Weisen sagte, „muss jedes Museum eigene Vorstellungen zum Thema Inklusion selbst entwickeln.“ Kulturelle Institutionen müssen sich demnach den Herausforderungen zum Wandel stellen. Es sind vor allem die Museen als Zeugen kulturellen Reichtums und auch der Vielfalt, die sich neben den traditionellen Aufgaben Sammeln, Ausstellen, Forschen und Vermitteln mit neuen Tätigkeitsfeldern auseinandersetzen und ihren Blick schärfen sollten für das, was Gesellschaft bewegt. Aber genau das, wie eine Teilnehmerin auf der Veranstaltung bemerkte, kann auch zu Überforderungen führen, „denn die Gesellschaft, mit der wir konfrontiert sind, wird immer differenzierter.“ Der erste Schritt zur Lösung in die richtige Richtung sei für sie Empathie.

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Museum für alle?! Vortrag Marcus Weisen | © Draiflessen Collection

Wir können alle etwas Schönes tun

Man kann nicht jedem gerecht werden, was zählt, ist die richtige innere Haltung, mit der wir Menschen mit besonderen Bedürfnissen oder Behinderungen begegnen, denn jeder, wie Corinna Otto betonte, „ist herzlich willkommen“. Sollte man ein Fazit der Tagung ziehen, so könnte es wie folgt lauten: Inklusion ist machbar, auch wenn der Weg zu einem inklusiven Museum mit Hindernissen verbunden sein kann. Es erfordert Mut zum Umdenken und die Bereitschaft zu Änderungen in Zusammenarbeit mit Experten wie auch Betroffenen. Aber genau darin liegen zukünftig auch die Chance und das Potenzial der Institutionen, weil sie auf diese Weise einen Mehrwert für die gesamte Gesellschaft schaffen können. Vor dem Hintergrund einer zusehends älter werdenden Gesellschaft ist das Thema Inklusion vor allem für die Zielgruppe der Senioren, die einen wesentlichen Anteil der Besucher ausmacht, besonders attraktiv, denn inklusive Angebote decken auch gerade ihre Bedürfnisse ab.  
Auf die Frage von Wolfgang Türk, was sich die Redner für ein Gelingen von Inklusion wünschen würden, gab es sehr positive Anregungen und Denkanstöße: Willibert Strunz betonte nochmals, seine Tätigkeit sei eine zutiefst menschliche Aufgabe, die ihm vor allem Freude bereite. Im Umgang mit dem Thema hofft Birgit Tellmann auf mehr Offenheit unter den Kollegen, und Hendrik Dangschat setzt auf mehr Aufmerksamkeit. Die Kunst bestehe für ihn vor allem darin, „Angebote zu gestalten, ohne dass man merkt, dass sie inklusiv sind.“ Bevor Wolfgang Türk die Tagung offiziell beendete mit seiner, wie er selbst einräumte, nicht unbedingt politisch korrekten, dennoch auf den Punkt gebrachten Formulierung „Hinkommen – Reinkommen – Klarkommen“, hatte Weisen als halber Finne mit seiner Äußerung schon die passendsten Abschlussworte überhaupt gefunden: „Me kaikki voimme tehdä jotakin,me kaikki voimme tehdä enemän,me kaikki voimme tehdä jotakin kaunista”, was übersetzt bedeutet: „Wir können alle etwas tun, wir können alle etwas mehr tun, wir können alle etwas Schönes tun.” Dieser Wunsch birgt viel Hoffnung. Mit der Veranstaltung hat sich die Draiflessen Collection weiter auf den Weg gemacht, das Prinzip der gelebten Verschiedenartigkeit und Inklusion umzusetzen.

Ein Bericht von Ruth Rasche, Registrar der Draiflessen Collection. Sie bildet gemeinsam mit Stefan Bohle, Susanne Bornemann und Laura Oymanns die Arbeitsgruppe Inklusion, die diese Tagung vorbereitet und realisiert hat.

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Arbeitsgruppe Inklusion | © Draiflessen Collection

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