Wie es begann: Glaube ...
Am 19. Mai hat die Ausstellung „Glaube“ eröffnet. Sie ist die erste Präsentation einer Trilogie „Glaube, Liebe Hoffnung“, deren nachfolgende Schau sich im kommenden Herbst daher dem Thema der „Liebe“ widmet, und die dann im Frühjahr 2020 mit der Ausstellung „Hoffnung“ schließt. Drei Ausstellungen, drei Kuratorinnen, drei Themen – dennoch eine gemeinsame inhaltliche Klammer. Ist die Trilogie also ein Gemeinschaftsprojekt?

One-Woman-Shows?
„Wir mussten von Anfang an sowohl unsere jeweils eigene, aber auch gleichzeitig alle drei Ausstellungen als Gesamtheit bedenken“, erläutert Dr. Barbara Segelken, die Kuratorin von „Glaube“. Als „Erste“ an der Reihe konnte sie folgerichtig direkt in das Thema einsteigen, während die beiden anderen zeitversetzt später ihre eigenen Ausstellungen konzipiert haben. Es sollte jeder einzelne Teil ganz individuell von der jeweiligen Kuratorin erarbeitet, dennoch deutlich werden, dass alle drei Teile der Trilogie inhaltlich miteinander verbunden sind. So hat sich dann Andrea Kambartel, verantwortlich für die letzte Ausstellung „Hoffnung“, bereits zu einem Zeitpunkt mit der Gesamtheit „Glaube, Liebe Hoffnung“ auseinandersetzen müssen, als ihre Überlegungen zum eigenen Ausstellungsthema längst noch nicht konkret waren. Für alle drei bedeutete das auch einen steten gedanklichen Wechsel von der jeweils eigenen „One-Woman-Show“, zu dem, was alle drei Ausstellung miteinander verbindet. Das, so Segelken, sei für alle drei eine ganz neue Herausforderung gewesen.
Glaube(n)
„Glaube“ als Thema lässt ja zunächst an eine religiös-theologische Herangehensweise an die Ausstellung denken. Dass dies nicht der Fall ist, verrät auch der Kurztext zur Ausstellung. Uns hat – ganz unabhängig davon – interessiert, ob und an was Barbara Segelken möglicherweise „glaubt“. Sie sei, so antwortet sie nach einem Moment der Überlegung, durchaus in einem Umfeld aufgewachsen, dessen Werte und Normen christlich geprägt sind, „die ich verinnerlicht habe“. Für sie spiele allerdings der Glaube als religiöse Vokabel keine wesentlich Rolle, es gebe auch keine Rituale, die sie in den Alltag integriert habe. „Das Spirituelle hat sich mir nie mitgeteilt“, dennoch bekomme sie durchaus in bestimmten Momenten eine Ahnung davon, sei es manchmal im intensiven Erleben der Natur oder aber auch innerhalb von Kirchenräumen mit besonderer Atmosphäre und Ausstrahlung.
Grundsätzlich, so fährt sie fort, sei sie eher im Diesseits verhaftet, sie glaube an die Verbindung in menschlichen Beziehungen: „Ich glaube an die Liebe“. Damit nimmt sie spontan auch das Thema der nächsten Ausstellung „Liebe“ vorweg, die von Olesja Nein kuratiert wird.
Die Künstlerinnen und Künstler
„Das Konzept der Ausstellung war eine Idee, die sich unabhängig von einzelnen Werken entwickelt hat und entwickeln sollte“. Es ging darum, künstlerische Positionen zusammenzustellen, die sich dem Thema auf möglichst unterschiedliche wie auch prägnante annähern. Maßgabe war überdies, sich auf eine reduzierte Anzahl von Werken zu konzentrieren, ihnen damit mehr wortwörtlichen, aber auch inhaltlichen Raum zu verschaffen. Wie hat Barbara Segelken also ihre Auswahl getroffen und wie „einfach“ hat sich diese gestaltet.

Paul Thek, Michael Buthe, Anna Oppermann
„Paul Thek war bei den ersten Überlegungen zur Ausstellung zum Thema der erste Künstler, der mir in den Kopf gekommen ist“. Dabei kamen für sie besonders die „meat pieces“ infrage – eine Serie, aus der unser Exponat „Ohne Titel (Selbstporträt) von 1966/67 stammt, und die Thek später in „technological reliquaries“ umbenannte. Für diese, folgt man der Aussage des Künstlers selbst, sei der Ausgangspunkt das Thema der Kreuzigung gewesen.

Bei der Recherche zu Thek ist Barbara Segelken dann sehr schnell zu Michael Buthe gekommen, hatten doch beide Künstler in Kontakt zueinander gestanden. Segelken hat bei Buthe, insbesondere auch in Bezug auf das Ausstellungsthema, dessen Affinität zu fantastischen Geschichten bis hin zum Absurden, unter Einbeziehung des Magischen und Mythischen, des Heidnischen, Christlichen und anderer Religionen gereizt .Dabei schwingt vor allem seine Mehr- oder gar Uneindeutigkeit, die auch in seiner großformatigen Arbeit „Der Engel und sein Schatten“ von 1974 mit.
Während der intensiven und zielgerichteten Recherchearbeit in alle Richtungen, beim Blättern in den unterschiedlichsten Katalogen und Büchern, ist sie natürlich auch diversen Artikeln, Hinweisen, Fußnoten und Querverweisen gefolgt. So gab es auch „Zufallsfunde“: Auf Anna Oppermanns Arbeit „Altarensemble“ (1976/77) wurde sie zunächst vor allem wegen des Titels aufmerksam, um dann dem Werk der Künstlerin intensiver nachzugehen.

Louis Soutter, Harald Klingelhöller
Während die Arbeiten von Michael Buthe und Barbara Strassheim sofort zur „ersten Wahl“ gehörten, war Louis Soutter eine „Entdeckung für mich selber“. Er war ihr schlicht „vorher noch nicht untergekommen“: „Ich war beeindruckt von der Kraft dieser Arbeiten“. So hat sie dessen Bildwerk „The Empty Cross“ von 1939 in die Ausstellung übernommen.
Bei Harald Klingelhöller war wiederum der Titel faszinierend: „38 Teile in Form von 19 Zeichen für Tisch und 25 Buchstaben der Worte ‚Einmal im Leben‘“ von 1981. Diese Arbeit besteche durch die Kombination aus zwei Zeichensystemen, einmal das Zeichen (für Tisch?) selbst und dann das, was es bezeichnet (Tisch?, Leben?). Für Segelken wirft die installative Arbeit damit die Frage auf, was für eine Rolle Schrift als Zeichen- und Verständigungssystem spielt, wie sehr man an sie und ihre Eindeutigkeit ‚glaubt‘. Aber auch, inwiefern Schrift möglicherweise als Synonym für die Heilige Schrift verstanden werden kann. Sie stehe vor der Arbeit, es gebe kurze Momente, in denen sie glaubt, etwas zu erkennen, im nächsten Moment „ist es wieder weg“. Letztlich stehe die Installation auch dafür, wie Informationen in eine Gesellschaft transportiert werden (können), die verschiedene Sprachen spricht?

Francis Alÿs, Angela Strassheim, Rupprecht Geiger
Mitunter gestaltete es sich schwierig, manche Leihgaben für die Ausstellung zu bekommen – nicht zuletzt spielen ja auch immer restauratorische Bedenken eine Rolle bei der Frage, ob ein Werk auf „Wanderschaft“ geht, also schlicht von einem Ort zum anderen transportiert, vorher begutachtet, transportsicher und unter optimalen klimatischen Bedingungen verpackt wird. Umso einfacher war es bei anderen: Der aus diesem Grund so bezeichnete „Überraschungskandidat“ Francis Alÿs, besser gesagt sein installatives Werk „When Faith Moves Mountains (übersetzt: Wenn Glaube Berge versetzt)“ von 2002, wurde innerhalb einer Woche zugesagt, was sehr ungewöhnlich ist im mitunter äußerst komplexen Leihprozess (siehe zu diesem Thema auch den Blogbeitrag unserer Registrar).
In der Ausstellung ist außerdem die Fotoarbeit von Angela Strassheim, „Untitled (McDonald’s)“ von 2004 zu sehen, in der eine Gruppe von Menschen, vermutlich eine Familie, versammelt um einen Tisch einer Filiale des populären Fastfood-Restaurants offenbar ein Dankgebet vor der Mahlzeit spricht. Rupprecht Geigers Gemälde „OE 477/67 Gerundetes Gelb“ von 1967 wiederum löst sich komplett von der gegenständlichen Darstellung und konzentriert sich auf die intensive, je nach individueller Empfindung fast meditativ oder spirituell in den Bann ziehende helle, lichte Farbwirkung des Gelb.

Der Ausstellungsraum
Eine der wichtigsten Anforderungen an den Ausstellungsraum war, dass jedes einzelne Werk selbstständig für sich und alle gleichwertig nebeneinander stehen sollen. Ganz bewusst sollten sie gerade nicht in unmittelbaren oder gar vorgegebenen Dialog treten. Daher gibt die Präsentation auch keine klare Reihenfolge vor, lassen sich die Werke, egal, wo Besucherinnen oder Besucher starten, ganz individuell und in Ruhe betrachten. Der Wunsch war, dass diese über ihren Rundgang selbst entscheiden können, in Ruhe schauen und immer wieder innehalten können. Ein Büchertisch lädt zum Blättern ein, an Medienstationen kommen in Zitaten unterschiedlichste Autorinnen und Autoren, die für die Ausstellungsthematik wichtige Impulse gegeben haben, zu Wort. Ausschnitte aus Gesprächen der Direktorin und Ideengeberin zur Ausstellungstrilogie, Dr. Corinna Otto, und den Kuratorinnen miteinander vermitteln Einblicke hinter die Kulissen. Musik, ebenfalls an den Medienstationen zu hören, war von Anfang an mitgedacht und geplant, um einen ganz anderen emotionalen Zugang zu geben. Schnell war klar: „Die Auswahl konnte nicht von uns getroffen werden“, es mussten Profis ans Werk. In diesem Fall waren das ein Musikwissenschaftler und ein Musikjournalist, die Stücke aus Klassik, Moderne, Rock, Pop aus dem 19. bis ins 20. Jahrhundert zusammengestellt haben.
Die Ausstellung „Glaube“ ist noch bis zum 18. August zu sehen.
Dr. Barbara Segelken hat an der Freien Universität Berlin und Humboldt-Universität zu Berlin Kunstgeschichte und Theaterwissenschaften studiert. Sie arbeitet seit Herbst 2014 für die Draiflessen Collection und hat bereits die Ausstellungen „Die Kunst des Aufbewahrens“ (2015/16) und „Dem Bild gegenüber“ (2017/18) kuratiert.
Fotos Innenansichten: Angela von Brill