02.07.2021

Die Selbstverständlichkeit des Sehens infragestellen

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In fast  „alter Tradition” haben wir mit der Kuratorin der aktuellen Ausstellung MADE REALITIES, Olesja Nein, gesprochen. Angeregt durch einige wenige Fragen sind ein spannender Austausch und damit auch der Blogbeitrag entstanden.

Ausstellungsansicht MADE REALITIES | © Draiflessen Collection, Mettingen | © Henning Rogge

MADE REALITIES ist die erste Ausstellung speziell zu Fotografie …

Die Überlegung, eine Ausstellung fotografischer Positionen zu machen, gibt es tatsächlich schon länger, wobei eine solche Konzentration auf ein einziges künstlerisches Medium in unseren bisherigen Projekten bislang kaum vorgekommen ist. In der Regel wählen wir die Exponate einer Ausstellung nach thematischen, also inhaltlichen Gesichtspunkten aus, was dann doch immer gattungsübergreifend ist. Nichtsdestotrotz: Auch wenn hier alle beteiligten Künstler Fotografen sind, so war vor allem das sie alle verbindende Thema – in diesem Fall die Frage nach der Wahrnehmung von Wirklichkeit – wichtig. Vielleicht kann man sagen, dass es nicht unbedingt in erster Linie um Fotografie geht, sondern eher um das Potenzial dieses Mediums oder das der beteiligten Künstler speziell bei dieser Fragestellung.
Für Olesja Nein war die Fotografie schon immer „ein so spannender Bereich“, aber im Rahmen der Vorbereitung dieses Projekts, sei ihr „Interesse an dieser Kunstgattung durch die intensive Beschäftigung nochmals gestiegen“ und sie „habe dabei sehr viel gelernt.“

Welche Rolle spielt bei den vertretenen Künstlern die Fotografie?

Spannend an allen vier Fotografen war für Olesja Nein, dass sie in ihrer Arbeitsweise auf ganz unterschiedliche Weise an das Medium der Malerei angrenzen. Für sie geht es daher in der Ausstellung auch um Überwindung und Erweiterung des Mediums Fotografie. Natürlich lösen alle vier das, was sie künstlerisch interessiert, eindeutig fotografisch. Aber Jeff Wall zum Beispiel hat sich zunächst der Malerei gewidmet, bevor er sich dann der Fotografie zugewandt hat. Vielleicht nicht von ungefähr wirken seine großformatigen Arbeiten teilweise wie große Tafelbilder, die Geschichten erzählen, die sich nicht eindeutig erschließen. Thomas Demand hat Bildhauerei studiert – Grundlage seiner Fotografien sind aus Papier geschaffene, dreidimensionale, täuschend echt scheinende Arbeiten, fast Installationen. Dieser Eindruck wird dann durch die fotografische Abbildung verstärkt, weil er seine Kompositionen damit in die in diesem Fall verunklärende Zweidimensionalität überführt. Andreas Gurskys Fotografien wiederum erscheinen auf den ersten Blick mitunter wie abstrakte, rhythmische Gemälde, deren Motive sich erst nach und nach, in direkter Distanz erschließen.  Die einzelnen, kleinformatigen Fotos - scheinbare Schnappschüsse alltäglicher Szenen - aus Philip Lorca diCorcias vielteiliger Serie sind teilweise inszeniert und streng durchkomponiert und somit alles andere als zufällig durch die Fotolinse gesehen und dokumentiert.

Ausstellungsansicht MADE REALITIES, Philip-Lorca diCorcia, A Storybook Life | © Philip-Lorca diCorcia. Courtesy the artist and David Zwirner, Foto: Henning Rogge

Wahrnehmung von Wirklichkeit oder Wahrnehmung versus Wirklichkeit?

Im Grunde genommen geht es um beides, die Wahrnehmung von etwas, was wir sehen und was wir daher als (unsere) Wirklichkeit wahrnehmen, ist ja immer auch geprägt von der eigenen, individuellen Vorstellung. Diese speist sich aus tatsächlichen Erfahrungen und Erinnerungen, aber auch aus all den immer wieder neuen Bildern aus Medien, Presse, Film etc., die tagtäglich unsere visuelle Welt mitbestimmten. Diese führen uns Teile der Welt oder Ereignisse vor Augen, die wir womöglich nie gesehen oder selbst erlebt haben, über die wir uns aber bewusst oder unbewusst ein Bild gemacht haben – und die so zu einer Form des kollektiven Gedächtnisses geworden sind.
Gleichzeitig ist weder die individuelle noch die gesamtgesellschaftliche Wahrnehmung von Wirklichkeit festgefügt, sie entwickelt und verändert sich mit den sich immer verändernden Bildern und sie wird immer wieder durch neue (Seh-)Erfahrungen hinterfragt. Damit also auch die sogenannte Wirklichkeit selbst?
Aber – und hier greift die Ausstellung ein – wie bewusst erleben wir dieses Wechselspiel zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit im Alltag? Olesja Neins Auswahl der Arbeiten wurde insbesondere durch die Frage bestimmt, inwieweit sie diesen Prozess möglicherweise deutlich machen oder gar initiieren können: „Ich finde diese Fotografien so toll, weil sie die Selbstverständlichkeit meines Sehens infragestellen“. „Insbesondere die Serie von diCorcia gibt den Anstoß zum Verständnis, worum es in dieser Ausstellung auch gehen kann“, so betont Olesja Nein: Im Unterschied zu den solitären Großformaten der drei anderen Fotografen stellt diCorcia  76 kleinformatige Fotografien in eine Abfolge zusammen, die hinsichtlich des dort Abgebildeten nichts miteinander zu tun haben und genau aus diesem Grund zunächst irritierend wirken. Da aber so gehängt, veranlasst das die Betrachter*innen – häufig unbewusst –, einen Zusammenhang zwischen ihnen zu schaffen, ganz individuell und abhängig von der eigenen Erfahrungswelt. Beim Betrachten entsteht also ein jeweils persönliches Narrativ, eine eigene Geschichte, Zusammenhänge, die jemand anderer möglicherweise so gar nicht sieht, sehen kann oder völlig anders sieht.
In ganz unterschiedlicher Weise trifft das auf alle beteiligten Künstler zu – ihre Arbeiten scheinen erst klar, bei weiterer Betrachtung irritieren sie und veranlassen uns dann im besten Fall, unsere Wahrnehmung zu hinterfragen, womöglich zu revidieren.
Was also heißt „Wirklichkeit“? Wie fiktiv ist diese und welche Rolle spielt dabei die Imagination? Dies kann am besten im gemeinsamen Gespräch vor Ort erlebt werden, vor den großformatigen oder raumgreifenden Fotografien, die erst in der direkten Konfrontation ihre ganze Wirkung entfalten.

Wie war die Zusammenarbeit mit den Künstlern?

Alle vier Künstler sind zeitgenössische Fotografen und waren mehr oder weniger an der Entstehung der Ausstellung beteiligt: Jeff Wall hat die Auswahl seiner Fotografien selbst getroffen und vorgeschlagen. Ihm war die Positionierung im Raum sehr wichtig und hatte konkrete Vorstellungen, welche Arbeiten in welcher Raumkonstellation miteinander in Verbindung treten. Sie sollten gewissermaßen miteinander kommunizieren, sodass auch zwischen den einzelnen Werken, die ja keine Serie bilden, neue Bezüge entstehen können. Thomas Demand dagegen war zügig mit der von Olesja Nein vorgeschlagenen Auswahl einverstanden, ebenso der Leihgeber von diCorcias Serie – hier war der Künstler nicht beteiligt. Die Auswahl der Arbeiten von Andreas Gursky gestaltete sich wiederum als ein längerer gemeinsamer Prozess zwischen Kuratorin und Künstler.

Die Ausstellungsarchitektur ist ungewöhnlich schlicht …

„Ich habe mir von Anfang an ausdrücklich eine reduzierte Ausstellungsarchitektur gewünscht“, so Olesja Nein. Ihr war schnell klar, dass jede der künstlerischen Positionen einen eigenen Raum braucht. Die Exponate von Demand, Gursky und Wall sind sehr großformatig und raumfüllend, und auch die Serie diCorcias entfaltet sich raumgreifend über drei Wände. Alle Werke also benötigen ausreichend Platz und Luft, um ihre ganze Wirkung zu entfalten – eine opulentere oder farbigere Architektur hätte dem entgegengewirkt.

Olesja Nein (rechts) und Katalogautorin Angela Steidele im Gespräch | © Draiflessen Collection

Wird es noch mehr Ausstellungen zu Fotografie geben?

Die Draiflessen Collection ist kein Ausstellunghaus, das sich auf Fotografie spezialisiert hat – das leisten andere Häuser bereits sehr gut, so betont Olesja Nein. Bei der Vorbereitung der Ausstellung sei ihr aber sehr deutlich geworden, dass insbesondere bei jungen zeitgenössischen Fotograf*innen zu sehen ist, wie massiv diese die Grenzen des Zweidimensionalen verlassen. Nun war „Fotografie ja im Grunde nie eine reine Abbildung von Wirklichkeit“, aber insbesondere in Arbeiten, die die Fotografie plastisch oder auch raumgreifend installativ einsetzen und damit ganz neue Ausdrucksformen der Fotografie finden, sieht sie sehr viel Potenzial für eine mögliche weitere Ausstellung.

Olesja Nein hat an der Universität Osnabrück Kunstgeschichte und Geschichte studiert. Seit 2013 gehört sie zum Team der Draiflessen Collection. Sie hat die Ausstellungen DIE KUNST DES AUFBEWAHRENS und DEM BILD GEGENÜBER mitkuratiert sowie die Ausstellung LIEBE kuratiert.

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