4.09.2018

Museum in den Ferien: „Unbedingt ein Happy End!“

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Schüler besuchen im Laufe ihres Schullebens gelegentlich – mehr oder weniger freiwillig – Museen, schauen sich Ausstellungen an und werden im Klassenverband geführt. Wie auch viele andere Museen bieten wir spezielle Führungen für die unterschiedlichsten Bedürfnisse von Schulklassen an. So können wir auf Kinder und ihre Aneignungsmethoden eingehen, im optimalen Fall ihre Interessen fördern und individuelle Fragen während der Führungen und den Nachbearbeitungsrunden im museumspädagogischen Bereich in der Draiflessen Collection beantworten.

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MuseumsSpaß Summer 2018 | © Draiflessen Collection

MuseumsSpaß

Kindern, die etwas mehr wissen möchten oder die durch eine Führung schon gute Erfahrungen mit Museen sammeln konnten oder auch einfach solche, die neugierig geworden sind, bieten wir während der Oster-, Sommer- und Herbstferien unseren MuseumsSpaß an. Diese Angebote dauern etwa zwei Stunden und finden zumeist vormittags statt. Eine halbe Stunde lang schauen wir uns gemeinsam die aktuellen Ausstellungen an, im Anschluss daran geht die ganze Gruppe in unser Museumsatelier und verarbeitet die Eindrücke aus der Ausstellungsführung kreativ und praktisch weiter. Zumeist entwickeln sich, vor allem auch durch die bewusst auf zehn Kinder beschränkte Gruppengröße, lebhafte Diskussionen über das in der Ausstellung vorgestellte Thema.

Ein eigenes Buch binden

In diesem Sommer – es waren gleichzeitig zwei aktuelle Ausstellungen geöffnet – haben wir uns auf die wunderbaren Bücher der Liberna Collection und auf die Ausstellung „Der Fall der Sterne“ konzentriert. Erstere zeigt (noch bis Oktober 2018) die Highlights aus der Sammlung Liberna: beeindruckend gut erhaltene Bücher mit Leder- oder Samteinband, Goldschnitt oder Prägungen auf den Buchdeckeln. Eine tolle Gelegenheit, einmal über die optimalen Erhaltungsbedingungen von Papier zu sprechen oder aber auch über die individuellen Lieblingsbücher der Kinder und wie sie mit ihren Schätzen umgehen. Was liegt näher, als nach einem Besuch in der Liberna ein eigenes Buch zu binden?

So traf sich also eine Gruppe erwartungsvoller 9-jähriger Mädchen und Jungen und band Bücher ein. Mit äußerster Geduld und großer Ernsthaftigkeit gingen alle zu Werke, während man sich bereits über die spätere Verwendung des neuen Buches unterhielt. Die Ergebnisse waren wunderschön und überraschten auch die Kinder selber: Das hatten sie sich eine halbe Stunde zuvor noch nicht zugetraut. Das verwendete Material war neben starker Pappe, Buchblöcken und Buchbinderleinen auch Papier für den Umschlag. 

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Binding Books | © Draiflessen Collection

„Wieso soll das denn weggeworfen werden …?“

Die Kinder konnten sich aussuchen, was sie für den Einband verwenden wollten: altes, gebrauchtes oder neu gekauftes Papier. Sie entschieden sich zumeist für das alte. Ihre Begründungen waren klar und unmissverständlich: Umwelt- und Klimaschutz, der Charme von alten Dingen oder aber die zufällig auf dem Upcycling-Tapetenstapel liegende Lieblingsfarbe waren Kriterien für die Auswahl. Häufig gehörte Frage: „Wieso soll das denn weggeworfen werden, das ist doch noch gut!?“

Besonders Kinder, die einige Tage zuvor mit uns in der Ausstellung „Der Fall der Sterne“ gewesen waren, entschieden sich, altes Material weiter- oder wiederzuverwenden. Die Ausstellung zeigte Werke von Albrecht Dürer, der mit seinen feinen und detailliert ausgearbeiteten Drachen und anderen Ungetümen auf den Drucken seiner Johannes-Offenbarung eine besondere Faszination auf Kinder ausübte. Auch die Videoinstallation von Julian Rosefeldt („In the Land of Drought“) nahm die Kinder völlig  gefangen: Bilder von vertrockneten Landschaften und scheinbar ohne Ziel herumirrende Menschen aus Drohnenperspektive wurden auf der Kinoleinwand sichtbar und waren hörbar unterlegt mit wummernden Geräuschen auf der Kinoleinwand. Der dritte Ausstellungsraum, hier wurden Drucke aus einem Buch von Johannes Gerson stark vergrößert gezeigt, war die letzte Station.

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Instruments from Rubbish | © Draiflessen Collection

„Was soll man da denn jetzt noch tun?“

Hier fingen die Kinder schon an, das Gesehene zu interpretieren und sprachen offen darüber: der drohende Weltuntergang, der über Dürers Version der Johannesoffenbarung und über das zeitgenössische Video von Rosefeldt dann ganz konkret in den Werken von Gerson sichtbar wurde, lockte die unterschiedlichsten Stellungnahmen hervor. Neben ganz klaren Vorstellungen davon, wie man denn das, was wir heute auch „Apokalypse“ nennen, verhindern könne, gab es angesichts der drastischen Gerson-Darstellungen des zu erwartenden Unheils auch resigniert klingende Kommentare. So warf ein Mädchen bei der Betrachtung einer Überschwemmungsszene ein, das sei doch alles schon dagewesen und fragte in die Runde der anwesenden Kinder, was man den da jetzt noch tun solle, die Erwachsenen hätten es schließlich auch schon nicht so gut gemacht. Das war eine der schönsten, emotionalsten und zugleich auch lustigsten Führungen, die ich je erlebt habe.


Die auf die Ausstellung „Der Fall der Sterne“ abgestimmten Workshops orientierten sich stark am Umweltschutz- und Upcycling-Gedanken. So haben wir gemeinsam Monster aus Weichspülerflaschen, Schmuckkästchen aus Eierkartons oder wohlklingende Instrumente aus Abfall hergestellt und sogar kurzfristig eine Anti-Apokalypse-Band gegründet.

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Film Project: The Making of | © Draiflessen Collection

Unbedingt ein Happy End!

Ein besonderes Highlight in diesem Sommer war das Filmprojekt „My Private Apocalypse“. Die auch im pädagogischen Bereich sehr erfahrene Trickfilmerin Bettina Selle reiste mit ihrem Equipment aus Osnabrück an. Gemeinsam mit den Kindern erweckte sie einzelne Wesen aus den Dürer-Drucken zum Leben. Unter ihrer Anleitung entwickelten die Kinder eine Geschichte, die auf deren Wunsch unbedingt ein Happy End haben sollte. Dazu gehörten auch der Entwurf der Kulissen, das Ausschneiden der vielen Sterne, die vom Himmel fallen sollten (der Film heißt „Als die Sterne vom Himmel fielen“) und natürlich die gleichmäßige Verteilung der Rollen und der anfallenden Aufgaben.

So durfte jedes Kind den Rechner bedienen, mit dem der Trickfilm in Stop-Motion-Technik aufgezeichnet wurde. Viele Hände wurden gebraucht, um die ausgeschnittenen Wesen auf der Kulissenpappe zu bewegen. Das Ganze sollte natürlich auch noch sehr koordiniert ablaufen. Und es hat geklappt! Obwohl es ein sehr heißer Tag war, hielten alle Kinder bis zum Schluss durch. Sie sahen das vorläufige Ergebnis noch am selben Tag, suchten Musik und Donnergeräusche aus und begrüßten dann stolz und begeistert die Eltern, die sie abholen wollten: „Paaapaaaa! Wir haben den ganzen Tag gearbeitet und dabei EINE Minute Film gemacht! Den GANZEN Tag!“

Es war ein toller Sommer mit den Ferienkindern. Alle hatten (Museums!-)Spaß, haben auch etwas gelernt und wenn man den Worten glauben kann (und das können wir ganz sicher!), dann sehen wir uns alle im Herbst zu einer neuen Runde MuseumsSpaß wieder.

Bericht unserer Museumspädagogin Tanja Frederike Revermann

Comments

4.09.2018 - 09:59
Britta
toller Blog!
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